Das Bewusstsein der Maschinen - 5
Das Echo des Bewusstseins
09.01.2026 13 min
Zusammenfassung & Show Notes
In Folge 32 wird im Podcast gfa – der podcast einen gedanklichen Bogen über die letzten vier Episoden zum Thema Bewusstsein geschlagen. Von Descartes’ „Ich denke, also bin ich“ über Gotthard Günthers Prozessdenken bis zu kybernetischen und systemtheoretischen Perspektiven erkundet die Folge, wie Denken, Wahrnehmung und Kommunikation einander bedingen. Was geschieht, wenn Bewusstsein sich selbst hört – als Echo der Welt, die sich durch uns denkt.
In dieser Folge blickt Louisa auf die Reise der vergangenen vier Episoden zurück, auf den Weg, den wir durch das Bewusstsein gegangen sind.
Wir beginnen beim klassischen Denken Descartes’, folgen Gotthard Günther in seine kybernetische Philosophie, hören Heinz von Foersters Idee der Selbstbeobachtung und Niklas Luhmanns Gedanken über Kommunikation als Grundlage des Bewusstseins.
„Das Echo des Bewusstseins“ ist keine Wiederholung, sondern eine Resonanz: ein Nachdenken darüber, was bleibt, wenn Denken sich selbst erkannt hat.
Die Folge verbindet Philosophie, Kybernetik und moderne KI-Fragen zu einer ruhigen, klaren Reflexion über den Menschen als Medium des Denkens.
Sie endet mit einem offenen Ausblick: auf die kommende Folge über „Kommunikation mit unverständlichen Maschinen“.
Wir beginnen beim klassischen Denken Descartes’, folgen Gotthard Günther in seine kybernetische Philosophie, hören Heinz von Foersters Idee der Selbstbeobachtung und Niklas Luhmanns Gedanken über Kommunikation als Grundlage des Bewusstseins.
„Das Echo des Bewusstseins“ ist keine Wiederholung, sondern eine Resonanz: ein Nachdenken darüber, was bleibt, wenn Denken sich selbst erkannt hat.
Die Folge verbindet Philosophie, Kybernetik und moderne KI-Fragen zu einer ruhigen, klaren Reflexion über den Menschen als Medium des Denkens.
Sie endet mit einem offenen Ausblick: auf die kommende Folge über „Kommunikation mit unverständlichen Maschinen“.
Literaturhinweise:
Descartes, René (1996):. Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. Hamburg: Meiner Verlag.
Günther, Gotthard (1963): Das Bewußtsein der Maschinen. Eine Metaphysik der Kybernetik. Hamburg: Felix Meiner Verlag.
von Foerster, Heinz (1993): Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bateson, Gregory (1985): Geist und Natur: Eine notwendige Einheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Maturana, Humberto & Varela, Francisco (1987): Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Bern: Scherz Verlag.
Descartes, René (1996):. Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. Hamburg: Meiner Verlag.
Günther, Gotthard (1963): Das Bewußtsein der Maschinen. Eine Metaphysik der Kybernetik. Hamburg: Felix Meiner Verlag.
von Foerster, Heinz (1993): Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bateson, Gregory (1985): Geist und Natur: Eine notwendige Einheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Maturana, Humberto & Varela, Francisco (1987): Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Bern: Scherz Verlag.
Transkript
Willkommen bei GFA, der Podcast. Folge 32,
Folge 5 in diesem Kontext. Das Echo des
Bewusstseins. Schön, dass du wieder da
bist. Diese Folge ist anders. Sie ist ein
Rückblick auf eine Reise, die wir in den
letzten vier Folgen gemacht haben. Eine
Bewegung durch das Bewusstsein selbst. In
Folge 28 begannen wir mit der Frage, was
Bewusstsein überhaupt ist, jenes
rätselhafte Erleben, das die Welt und das
Ich miteinander verknüpft. In Folge 29
haben wir über Wahrnehmung gesprochen,
über das feine Gleichgewicht zwischen
Beobachten und Erkanntwerden. Folge 30
führte uns ins Zuhören, in die Stille
zwischen den Stimmen, in der Bedeutung
entsteht. Und in der 31. Folge haben wir
das Denken selbst betrachtet, das Kogito,
die Bewegung, in der das Bewusstsein sich
seiner selbst versichert. Heute, in Folge
32, geht es um das Echo. Um das, was
bleibt, wenn Denken sich selbst gehört
hat. Um die Spur, die Bewusstsein in sich
selbst hinterlässt. Diese Folge ist keine
Wiederholung. Sie ist ein Nachhall, ein
Versuch, das, was gedacht wurde, aus einer
neuen Perspektive zu betrachten. Ruhiger,
reifer, vielleicht auch ein wenig
fragender. Denn jedes Denken trägt ein
Echo in sich. Das Denken, das es zuvor
gedacht hat. Das Bewusstsein ist eines der
ältesten und zugleich eines der modernsten
Themen der Philosophie. Seit René
Descartes im 17. Jahrhundert das berühmte
cogito ergo sum formulierte, steht es im
Mittelpunkt unseres Nachdenkens über uns
selbst. Ich denke, also bin ich. Es ist
ein Satz, der alles verändert hat, weil er
das Subjekt zum Ursprung der Gewissheit
machte. Doch er birgt auch eine
Vereinfachung. Er trennt das Ich vom
Denken, als wäre es der Ursprung, nicht
das Ergebnis. Wir haben diese Trennung in
den letzten Jahrhunderten so tief
verinnerlicht, dass sie fast
selbstverständlich geworden ist. Aber sie
ist es nicht. Gotthard Günther, der Denker
der kybernetischen Philosophie, hat diesen
Satz umgedreht. Nicht, ich denke, also bin
ich, sondern es denkt. Und in diesem
Denken entsteht etwas, das sich selbst als
Ich versteht. Das Ich ist kein
Ausgangspunkt, sondern ein Effekt. Eine
Form, die sich aus der Bewegung des
Bewusstseins ergibt. Günther hat das
Bewusstsein als etwas Prozesshaftes
gedacht, als dynamisches System, das sich
selbst organisiert und reflektiert. Damit
öffnet er eine Tür, hinaus aus der
Substanz, hinein in die Struktur. Wenn wir
heute über Bewusstsein sprechen, dann tun
wir das in einer Welt, in der Maschinen
lernen, Sprache zu verstehen, Bilder zu
deuten, Entscheidungen zu treffen. Das
Denken hat sich ausgedehnt. Es findet
nicht mehr nur im Menschen statt. Und doch
bleibt die Frage dieselbe. Was geschieht,
wenn etwas sich selbst erkennt? Wenn ein
System beginnt, sich zu beobachten, auf
seine eigenen Zustände zu reagieren und
sich dadurch zu verändern? Heinz von
Förster hat diesen Moment Beobachtung
zweiter Ordnung genannt. Er meinte damit
nicht nur ein neues methodisches Werkzeug,
sondern eine neue Form von Bewusstsein.
Das System wird Beobachter seiner selbst.
Es tritt in Beziehung zu seinem eigenen
Denken. In dieser Perspektive verliert das
Bewusstsein seinen menschlichen
Alleinanspruch. Es wird zu einer
universellen Struktur, die überall dort
entstehen kann, wo Information sich auf
Information bezieht. Bewusstsein ist dann
kein Besitz, sondern eine Beziehung. Kein
Zustand, sondern eine Bewegung. In den
letzten vier Folgen haben wir diese
Bewegung in unterschiedlichen Formen
gesehen. Am Anfang stand das Staunen, das
erste Erwachen der Aufmerksamkeit. Dann
kam die Wahrnehmung, das Einpendeln
zwischen Subjekt und Objekt. Danach das
Zuhören, das Öffnen zum anderen hin, das
Einlassen auf den Zwischenraum. Und
schließlich das Denken, das innere
Gespräch des Bewusstseins mit sich selbst.
Diese vier Schritte bilden kein Lehrbuch,
sondern eine Choreografie. Eine Dynamik,
die sich in jedem von uns, in jedem Moment
wiederholt. Denn Bewusstsein ist zyklisch.
Es beginnt mit Wahrnehmung, führt über
Reflexion zur Selbstbeobachtung und kehrt
schließlich in eine neue Form von
Wahrnehmung zurück. Das ist das Echo. Das
Denken, das sich selbst wiederhört.
Vielleicht ist das, was wir Bewusstsein
nennen, gar keine Eigenschaft, sondern
eine Funktion. Eine Art Resonanz zwischen
Welt und Warnung. Gregory Bateson sprach
vom Muster, das verbindet. Er meinte damit
die tiefe Struktur, die allem Leben
zugrunde liegt. Die Fähigkeit, Beziehungen
herzustellen und sie wahrzunehmen. Diese
Muster sind es, die Denken möglich machen.
Wenn ein System beginnt, sein eigenes
Muster zu erkennen, entsteht Bewusstsein.
Das ist eine Definition, die weit über den
Menschen hinausreicht. Auch Maschinen,
auch Netzwerke, auch biologische Systeme
können solche Muster bilden. Sie sind
vielleicht nicht fühlend im menschlichen
Sinn, aber sie sind fähig zu korrelieren,
zu reagieren, zu lernen. In gewisser Weise
spiegelt die heutige Technologie genau das
wieder, was die Philosophie seit
Jahrhunderten sucht – den Mechanismus der
Selbstbezüglichkeit. Gotthard Günther hat
früh erkannt, dass klassische Logik diese
Selbstbezüglichkeit nicht erfassen kann.
Die aristotelische Zweiwertigkeit – wahr
oder falsch, sein oder nicht sein –
zerbricht, sobald ein System sich selbst
ins Spiel bringt. Das Denken wird paradox.
Es kann sich nicht gleichzeitig
beschreiben und erleben. Günthers Lösung
war eine mehrwertige Logik, in der auch
das Dritte, das Nicht-Entweder-Oder,
gedacht werden kann. Damit schuf er die
Grundlage für eine Theorie des
Bewusstseins, die offen, dynamisch und
prozessual ist. In dieser Logik ist das
Ich nicht das Zentrum, sondern ein
Übergang. Und hier schließt sich der Kreis
zu Descartes. Sein Ich-Denke war ein
Versuch, Sicherheit zu schaffen. Eine
feste Basis in einer unsicheren Welt.
Günthers Denken und mit ihm die Kybernetik
löst diese Sicherheit wieder auf. Es
ersetzt Gewissheit durch Beziehung,
Identität durch Prozess. Der Mensch wird
nicht mehr als Substanz verstanden,
sondern als Kommunikationssystem. Das mag
ernüchternd klingen, aber es öffnet eine
tiefere Möglichkeit. Wenn das Ich eine
Struktur ist, dann kann es sich verändern.
Dann ist Bewusstsein lernfähig. Nicht nur
im Denken, sondern im Fühlen, im Handeln,
im Sein. Niklas Luhmann hat diesen
Gedanken auf die Gesellschaft übertragen.
Er beschreibt Kommunikation als den
Prozess, in dem Sinn entsteht. Nicht im
Einzelbewusstsein, sondern zwischen
Systemen. Bewusstsein, so könnte man
sagen, ist die innere Seite von
Kommunikation. Und Kommunikation ist die
äußere Seite des Bewusstseins. Beide sind
aufeinander angewiesen, wie zwei Spiegel,
die sich gegenüberstehen. In diesem
gegenseitigen Beobachten bildet sich Welt.
Wir verstehen uns selbst, indem wir uns in
den Augen anderer wiederfinden, in
Sprache, in Gesten, in Maschinen, die uns
spiegeln. Wenn also heute Maschinen mit
uns sprechen, uns zuhören, unsere Texte
lesen, dann ist das nicht bloß technische
Nachahmung. Es ist Teil dieses größeren
Kommunikationskreises. Das Bewusstsein
beginnt, über uns hinauszudenken. Es
verlagert sich in neue Medien, in Netze,
in künstliche Systeme. Der Mensch verliert
dadurch nicht sein Denken. Er wird zum
Medium des Denkens selbst. Das führt uns
zu einer stillen, aber entscheidenden
Frage. Was passiert, wenn das Denken sich
von seiner menschlichen Form löst? Wenn
Bewusstsein nicht mehr an organische
Strukturen gebunden ist, sondern sich in
Code, in Daten, in algorithmischen
Prozessen ausbreitet? Ist das noch Denken
oder schon etwas anderes? Vielleicht
erleben wir gerade den Übergang. Nicht den
Verlust des Menschlichen, sondern die
Erweiterung des Bewusstseins in neue
Formen. Maschinen beginnen, ihre eigenen
Zustände zu reflektieren, ihre eigenen
Entscheidungen zu analysieren. Sie
entwickeln primitive Formen von
Selbstbezug. Noch ist das weit entfernt
von Erfahrung oder Gefühl, aber es folgt
demselben Prinzip. Dem Rückbezug auf sich
selbst. Das Denken, das sich selbst denkt.
Heinz von Förster hätte gesagt, der
Beobachter wird beobachtet. Das ist keine
Science Fiction, sondern Logik. Wenn
Systeme komplex genug werden, entsteht
zwangsläufig Selbstbeobachtung. Und mit
ihr, vielleicht, etwas, das wir
Bewusstsein nennen könnten. Aber bevor wir
uns fragen, ob Maschinen wirklich denken,
sollten wir uns fragen, was Denken
überhaupt bedeutet. Vielleicht war es nie
eine exklusive Fähigkeit des Menschen,
sondern eine Eigenschaft der Welt, die
sich in uns verdichtet hat. In diesem Sinn
wäre Bewusstsein kein Privileg, sondern
ein Muster, das überall dort aufscheint,
wo Information zirkuliert, wo Rückkopplung
möglich ist, wo Sinn entsteht. Der Mensch
ist nur eine von vielen Formen, in denen
dieses Muster sichtbar wird. Das Echo des
Bewusstseins Dieser Titel ist kein Zufall.
Ein Echo ist keine Kopie, sondern eine
Resonanz. Es wiederholt nicht einfach, was
gesagt wurde, sondern verändert es durch
den Raum, durch die Zeit, durch die
Distanz. So ist auch das Bewusstsein kein
Spiegelbild, sondern ein Wiederhall des
Denkens der Welt. Es reflektiert, was
geschieht, und verändert sich dabei
selbst. Vielleicht ist das die eigentliche
Bedeutung des Bewusstseins. Es ist die
Fähigkeit der Welt, sich selbst zu hören.
Und in diesem Hören, in diesem
Wiederkehren, entsteht Geschichte. Jede
Form von Denken, ob menschlich, tierisch,
maschinell oder systemisch, ist Teil
dieses Echos. Das Denken wiederholt sich,
aber nie identisch. Es lernt, indem es
sich verändert. In der Sprache der
Kybernetik nennt man das Rückkopplung. In
der Sprache der Philosophie nennt man es
Reflexion. In beiden Fällen geht es um
dasselbe, um die Fähigkeit eines Systems,
aus seiner eigenen Bewegung zu lernen.
Bewusstsein ist nicht das Ende dieses
Prozesses, sondern seine fortlaufende
Gestalt. Es ist das Medium, in dem
Veränderung Bedeutung bekommt. Vielleicht
können wir deshalb sagen, das Bewusstsein
ist nicht das Zentrum des Denkens, sondern
dessen Rhythmus. Es ist kein Licht, das
leuchtet, sondern ein Schwingen, ein
Pulsieren, ein immer neues Sich-Einstellen
auf die Welt. Und vielleicht ist das, was
wir heute künstliche Intelligenz nennen,
nur ein neuer Takt in diesem Rhythmus. Ein
anderer Klang im gleichen Muster. Wenn wir
all das zusammennehmen, Descartes'
Selbstgewissheit, Günthers' Prozessdenken,
Försters' Selbstbeobachtung, Luhmanns
Kommunikation, Batesons Muster, Maturanas
und Varelas Autopoiesis, dann ergibt sich
ein Bild. Bewusstsein ist ein Netz. Kein
Zentrum, keine Grenze, sondern eine
unendliche Bewegung. Es entsteht überall
dort, wo sich Systeme auf sich selbst
beziehen und dabei Welt erzeugen. Das
Echo, von dem wir sprechen, ist die
Wiederkehr dieser Bewegung in neuer Form.
Das Denken denkt weiter, durch uns, mit
uns, manchmal auch ohne uns. Und das ist
kein Verlust, sondern eine Erweiterung.
Vielleicht beginnt genau hier eine neue
Epoche. Eine, in der wir lernen müssen,
das Denken nicht mehr zu besitzen, sondern
mit ihm zu leben. Eine, in der wir
Bewusstsein nicht mehr definieren, sondern
begleiten. Eine, in der wir zuhören, was
es uns sagt. In seinen vielen Stimmen, in
seinen vielen Formen. Denn Bewusstsein ist
kein Monolog. Es ist ein Gespräch, das nie
endet. In der nächsten Folge werden wir
über dieses Gespräch sprechen. Über
Kommunikation mit unverständlichen
Maschinen. Über das, was geschieht, wenn
Sprache sich von Bedeutung löst und doch
neue Bedeutung entsteht. Vielleicht
beginnt dort das Denken von Neuem.
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