Das Bewusstsein der Maschinen

Sinn und Unsinn

01.10.2026 30 min

Zusammenfassung & Show Notes

Die dritte Folge des Kommunikationsbogens bringt den Gegenspieler. Wo Serres zeigte, dass jede Ordnung sich gegen ein Rauschen behauptet, das von außen kommt, lehnt Gilles Deleuze in „Logik des Sinns" (1969) die Grundannahme ab, es gebe überhaupt etwas zu tragen: Sinn wird nicht herangeschafft, sondern erzeugt, an der Oberfläche, seriell, und mit Hilfe des Unsinns.
Vorgestellt werden die eigenwillige Form des Buches (vierunddreißig Serien statt Kapitel) und seine beiden Hausgeister, Lewis Carroll und die Stoiker, die beiden Momente, in denen der Sinn an der Oberfläche statt in der Tiefe gesucht wurde. Der tragende Abschnitt rekonstruiert die stoische Unterscheidung von Körpern und Unkörperlichem: das Messer, das Fleisch, und das Geschnittenwerden, das kein dritter Körper ist; die Schlacht, die über dem Schlachtfeld schwebt; Sinn als unkörperliches Ereignis, das besteht, aber nicht existiert. Carrolls Regresse, die Schildkröte gegen Achilles und das viergeschossige Lied des Weißen Ritters, zeigen, dass die Sprache kein Erdgeschoss hat. Was die Serien statt eines Fundaments antreibt, ist das paradoxe Element: Kofferwörter, der Snark, und das leere Feld des Schiebepuzzles, das einzige Feld ohne Wert und der einzige Grund, warum sich etwas bewegt.
Es folgt die Rehabilitierung des Paradoxes als das, was Denken erzwingt, mit dem im Deutschen besonders sichtbaren Doppelsinn von Sinn als Bedeutung und Richtung, und mit Russells Typenlehre und Tarskis Stufen als Ausschluss des Dritten in amtlicher Kleidung. Ein Vergleich trennt sauber zwei Arten von Unsinn: bei Serres ein körperlicher Ozean von außen, bei Deleuze ein unkörperliches Loch von innen, also die beiden Grenzen des Sinns. Zum Schluss wird die Leitfrage der Reihe erstmals vollständig formuliert und zweimal angewendet: auf Maschinen, die durch kein Paradox aufzuhalten sind, und auf uns, auf Behördendeutsch, Leitbilder und Sitzungsprotokolle.

 
GfA – Der Podcast 
Der deutschsprachige Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Themen wechseln, im Wesentlichen geht es zurzeit um das Bewusstsein der Maschinen: Was Kybernetik und Systemtheorie zu Fragen nach Bewusstsein, Kommunikation und künstlicher Intelligenz beitragen können. Die Folgen bauen aufeinander auf, du kannst aber auch einzeln einsteigen. 
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe von einer synthetischen Stimme. 

Themen der Folge
  • Deleuze in Kürze; Lesen als schöpferischer Verrat; die Nähe zu Serres' Methode
  • Logik des Sinns" (1969): Serien statt Kapitel, Form als These
  • Carroll und die Stoiker: die Philosophie der Oberfläche– Körper und Unkörperliches; das Sagbare; Messer, Fleisch, Geschnittenwerden
  • Die Schlacht über dem Schlachtfeld; Sinn als Ereignis
  • Warum die Übertragungsfrage sich auflöst; die Nähe zu Luhmann
  • Der Regress des Sinns: Achilles und die Schildkröte; das Lied des Weißen Ritters
  •  Unsinn als Betrieb: Kofferwörter, der Snark, das paradoxe Element
  •  Das leere Feld: das Schiebepuzzle und der gelöste, also tote Zustand
  • Alice wächst: das Werden in beide Richtungen
  • Sinn als Bedeutung und als Richtung; gesunder Menschenverstand und Gemeinsinn als stille Polizei
  • Russell und Tarski: der Ausschluss des Dritten in der Logik
  • Zwei Arten von Unsinn: Ozean und Loch; die Doppelgrenze des Sinns
  •  Die Leitfrage der Reihe; Maschinen, die nicht anzuhalten sind; der Temperaturregler als offene Gegenfrage
  • Die Umkehrung: Behördenprosa, Floskeln, Protokolle.
LITERATUR

  •  Gilles Deleuze: *Logik des Sinns*. Übersetzt von Bernhard Dieckmann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993. (Original: *Logique du sens*, Minuit, Paris 1969.)
  • Gilles Deleuze: *Differenz und Wiederholung*. Fink, München 1992. (Original 1968; zum Begriff der Begegnung, die das Denken erzwingt.)
  • Lewis Carroll: *Alice im Wunderland / Alice hinter den Spiegeln*. Diverse Ausgaben; das Lied des Weißen Ritters in Kapitel VIII von „Alice hinter den Spiegeln".
  • Lewis Carroll: „Was die Schildkröte zu Achilles sagte" (1895). Deutsch u. a. in: Douglas R. Hofstadter, *Gödel, Escher, Bach*. Klett-Cotta, Stuttgart 1985.
  • Émile Bréhier: *La théorie des incorporels dans l'ancien stoïcisme*. Vrin, Paris 1928. (Deleuzes Hauptquelle zur stoischen Ereignislehre.)
  • Maximilian Forschner: *Die stoische Ethik*. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995. (Zugang zur Stoa auf Deutsch.)
  • Bertrand Russell: „Mathematical Logic as Based on the Theory of Types" (1908).
  • Alfred Tarski: „Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen" (1935). In: *Studia Philosophica*, Bd. 1.
  • Michel Serres: *Der Parasit*. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987. (Zum Vergleich der beiden Arten von Unsinn.)

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Transkript

Willkommen zurück zu einer neuen Folge von Das Bewusstsein der Maschinen GFA, der Podcast. Eine Produktion der Gesellschaft für Arbeitsmethodik. Du hörst die Reihe Das Bewusstsein der Maschinen. Es geht um eine Frage, die älter ist als die künstliche Intelligenz und die durch sie erst richtig unangenehm geworden ist. Was heißt es eigentlich, dass etwas denkt? Und wer entscheidet das? Folge 9 Sinn und Unsinn Zwei Bausteine haben wir bisher. Von Niklas Luhmann. Es wird nichts übertragen. Bedeutung reißt nicht, sie wird beim Empfänger hergestellt und Kommunikation ist ein eigenes System zwischen den Beteiligten. Von Michel Serres. Jede Ordnung schneidet sich aus einem Rauschen heraus, das ihr vorausgeht. Der Dritte an der Tür ist nicht der Feind der Verständigung, sondern ihre Bedingung. Bei allem, was Ceres uns gezeigt hat, blieb aber eine Annahme unangetastet. Etwas wird getragen. So verzerrt, so besteuert, so verraten von jedem Boten auch immer. Irgendwo weiter oben gibt es eine Bedeutung, die auf die Reise geht. Heute kommt ein Denker, der diese Annahme nicht angreift. Er lehnt sie einfach ab. Es gibt nichts weiter oben, sagt er. Sinn wird nicht von irgendwoher herangeschafft. Sinn wird hergestellt, an Ort und Stelle, auf einer sehr dünnen Fläche, und zwar aus Material, zu dem unverzichtbar sein eigenes Gegenteil gehört. Und um das zu zeigen, bringt er das seltsamste Werkzeug mit, das die Philosophiegeschichte kennt. ein kleines Mädchen, das in ein Kaninchenloch fällt, eine Schule antiker Philosophen, die glaubten, dass fast nichts existiert, und ein Buch ohne Kapitel. Gilles Deleuze, Logik des Sinns. Ein Buch aus Serien. Zuerst kurz zur Person, und ich halte mich absichtlich kurz, weil Deleuze den biografischen Zugang zur Philosophie verachtet hat. Geboren 1925 in Paris, gestorben 1995 in Paris. Anders als der Seefahrer Serres ist er kaum irgendwo hingereist. Er sagte gern, manche Reisen finde man im Sitzen, und er war der sesshafteste Mensch, der ununterbrochen über Nomaden schrieb. Er war Lehrer in Vincennes, von seinen Studenten geliebt, mit heiserer Stimme und berühmtem Hut. Seine Methode, die großen Philosophen zu lesen, hat er selbst mit einem etwas derben Scherz beschrieben, den ich für den Hausgebrauch abschleife. Er habe sich die Denker von hinten genähert und ihnen Kinder gemacht, die sie nie gewollt hätten. Bücher über Hume, Nietzsche, Bergson, Spinoza, Jedes in den Belegen, genau und in der Wirkung umstürzend. Sie erinnern sich an Serres, der Lucrez als Strömungslehre und La Fontaine als Nachrichtentheorie las, anderes Temperament, dasselbe Vergehen. Beide betreiben Lesen als schöpferischen Verrat. Beide haben übrigens eine Zeit lang in Vincenz gelehrt und einander gelesen. Und dann, am Ende der 60er Jahre, erschienen die zwei Bücher, die Deleuze zu Deleuze machten. Differenz und Wiederholung 1968 und, ein Jahr später, im selben Jahr wie Serres erster Hermes-Band, Logique du sens, die Logik des Sinns. Dieses Buch hat keine Kapitel und das ist bereits die erste Lehre. Es besteht aus 34 Serien, Serie der Paradoxien des reinen Werdens, Serie des Problematischen, Serie über das moralische Problem in der stoischen Philosophie und so fort. Ein Kapitel umschließt sein Thema. Eine Serie läuft. Die Glieder einer Serie verweisen nach vorn und nach hinten. Jedes wird erst durch seine Nachbarn verständlich. Keines steht für sich. Und das Ganze hält nicht durch ein Fundament darunter zusammen, sondern durch Bewegung entlang der Reihe. Deleuze hat das Buch so gebaut, dass es seine eigene These vorführt. Wenn Sinn seriell entsteht, wenn kein Wort seine Bedeutung in sich trägt wie eine Fracht in ihrem Behälter, dann soll die Leserin die Lehre im Lesen erfahren, bevor sie sie versteht. Die Schlacht über dem Schlachtfeld. Die beiden Hausgeister des Buches sind so ungleich, wie zwei Hausgeister nur sein können. Der eine ist Lewis Carroll, der Oxforder Mathematikdozent und Verfasser von Alice im Wunderland. Der andere sind die Stoiker, Chrysipp und seine Schule, drittes Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Was verbindet einen viktorianischen Kinderbuchautor mit der antiken Stoa? Alles, sagt Deleuze. Es sind die beiden Momente, in denen das abendländische Denken aufgehört hat, den Sinn in der Tiefe zu suchen. in Wesenheiten, in Ideen, im Inneren der Seele und ihn dort gefunden hat, wo niemand hinsah – an der Oberfläche. Alice fällt am Anfang bekanntlich nach unten, immer weiter nach unten. Und je tiefer die Bücher gehen, desto deutlicher wird ihre Entdeckung. Alles, worauf es ankommt, geschieht an Oberflächen. Spiegel, Schachbretter, Spielkarten. Und was ist eine Spielkarte anderes als reine Oberfläche? dünn wie ein Satz. Und jetzt die Stoiker und hier bitte ich sie langsamer zu werden, denn die nächsten Minuten tragen die ganze Folge. Die Stoiker haben die Wirklichkeit mit einem einzigen Schnitt geteilt und dieser Schnitt fällt nicht dort, wo man ihn erwartet. Auf der einen Seite die Körper. Und Körper ist für die Stoiker fast alles, nicht nur Tische und Katzen, sondern auch Seelen, Tugenden, Feuer, Atem. Alles, was wirken oder erleiden kann, ist körperlich, und die Körper durchdringen einander in einer einzigen großen Mischung. Alles drückt auf alles. Auf der anderen Seite des Schnitts dünn, gewichtslos, fast nichts, das Unkörperliche. Dinge, die streng genommen nicht existieren, sondern im vorsichtigen Wort der Stoiker bestehen. Die Zeit. Der leere Raum. Der Ort. Und viertens das, worum es uns geht. Das Sagbare. Das, was in einem Satz ausgedrückt wird. Nehmen wir Ihr eigenes Beispiel. Von Deleuze zugespitzt. Ein Messer schneidet Fleisch. Was gibt es da? Es gibt das Messer, ein Körper. Es gibt das Fleisch, ein Körper. Es gibt die physikalische Mischung. Stahl dringt in Gewebe. Körper wirkt auf Körper. Und nun das Geschnittenwerden. Das, was ausgedrückt wird, wenn wir sagen, das Fleisch wird geschnitten. Was ist das und wo ist es? Es ist kein dritter Körper. Sie werden geschnitten sein, Nicht in der Wunde finden. Es wiegt nichts. Es liegt nirgends. Es ist keine Eigenschaft des Messers und keine des Fleisches. Es ist, sagen die Stoiker, ein unkörperliches Zukommen, ein Ereignis, das an der Oberfläche der Körper spielt, und im Zeitwort ausgedrückt wird. Nicht das Messer, nicht das Fleisch, sondern schneiden, geschnitten werden. Deleuze hat dafür ein Bild, dass man nicht mehr los wird. Die Schlacht schwebt über dem Schlachtfeld. Sie können jeden Körper auf dem Feld auflisten. Soldaten, Pferde, Stahl, Schlamm. Und die Schlacht selbst ist keiner davon. Sie ist das, was ihnen allen zukommt, Ein unkörperliches Ereignis, über das Ganze gebreitet, das niemandem gehört und in der Sprache und nur dort ausgedrückt wird. Und genau dort, sagte Loeß, wohnt der Sinn. Sinn ist kein Ding unter Dingen. Sinn ist auch keine Vorstellung in einem Kopf. Sinn ist das ausgedrückte Ereignis, die unkörperliche Grenze zwischen Sprache und Welt, die zu keiner von beiden ganz gehört. Halten Sie das einen Moment neben unsere erste Folge. Die Übertragungsvorstellung fragte, wie kommt die Bedeutung aus einem Kopf in einen anderen? Und jede Antwort setzte voraus, dass Bedeutung eine Fracht ist, die irgendwo fertig vorliegt. Delözes stoischer Zug löst die Frage auf, indem er ihre Voraussetzungen wegnimmt. Sinn war nie in einem Kopf, weil Sinn nicht die Art von Sache ist, die in etwas ist. Er besteht, er schwebt. Man überträgt ihn nicht. Man stellt Bedingungen her, unter denen an der Oberfläche der eigenen Worte das Ereignis des Sins noch einmal geschieht, drüben an anderen Körpern. Das ist nebenbei bemerkt dieselbe Bewegung, die wir bei Luhmann gesehen haben, nur in einer anderen Sprache. Nichts geht hinüber. Jedes System erzeugt bei sich selbst seine eigene Ordnung. Deleuze liefert dazu die Ontologie. Was die Hörerin herstellt, ist keine Kopie eines inneren Originals, denn es gab kein inneres Original. Es gab Körper, Laute, Zeichen und darüber unkörperlich und herrenlos das Ereignis des Sinns. Der Boden fehlt. Jetzt geht die Lösung weiter und hier beginnt das eigentliche Thema der Folge. Versuchen Sie einmal den Sinn eines Satzes anzugeben. Ich sage, es regnet. Sie fragen, was das bedeutet, und ich kann nur mit einem weiteren Satz antworten. Es bedeutet, dass Regen fällt. Nach dessen Sinn können Sie wieder fragen, und ich brauche einen dritten Satz, und so weiter. Der Sinn eines Satzes steckt nie in diesem Satz. Er lässt sich immer nur mit dem nächsten einfangen, dessen Sinn wiederum in den nächsten flieht. Carol hat diesen Regress zweimal in Szene gesetzt, unvergesslich. Einmal in der kleinen Geschichte von Achilles und der Schildkröte, in der die Schildkröte sich weigert, einen Schluss zu ziehen, solange die Regel, die ihn erlaubt, nicht selbst als Prämisse aufgeschrieben ist. Sobald sie aufgeschrieben ist, verlangt sie eine Regel für diese Prämisse und dann eine Regel für die Regel. Der arme Achilles erreicht die Schlussfolgerung nie, die zwei Schritte vor ihm liegt. Und einmal, in Alice hinter den Spiegeln, in der wohl reizendsten Passage der Bedeutungslehre. Der weiße Ritter will Alice ein Lied vorsingen. Der Name des Liedes erklärt er heiße Schellfischaugen. Ach so, sagt Alice. Das ist der Name des Liedes? Nein, nein, sagt der Ritter. So heißt der Name. Der Name des Liedes ist in Wahrheit Der alte, alte Mann. Das Lied wird genannt Mittel und Wege. Aber das Lied selbst ist natürlich auf einem Gatter sitzend. Vier Ebenen, jede benennt die nächste. Keine ist der Grund. Die Sprache führt Carroll mit todernstem Gesicht vor, hat kein Erdgeschoss. Jeder Versuch, den Sinn eines Ausdrucks zu fassen, erzeugt einen neuen Ausdruck, dessen Sinn genauso schnell entweicht. Bedeutung ist ein Horizont, der genauso schnell zurückweicht, wie man auf ihn zugeht. Und jetzt die entscheidende Frage. Wenn die Reihe unendlich zurückweicht, was hindert die Sprache daran, sich einfach aufzulösen? immer weiter rückwärts zu laufen und nie etwas zu sagen. Deleuses Antwort ist der Gedanke, um dessen Willen wir dieses Buch überhaupt aufschlagen. Was die Serien in Gang hält, sagt er, ist ein Element, das durch sie hindurch zirkuliert, ohne an eine ihrer Stellen zu gehören. Und dieses Element ist, genau und fachlich gesprochen, Unsinn. Der Unsinn als Motor. Carol hat solche Ausdrücke fabrikmäßig hergestellt und genau gewusst, was er tat. Denken Sie an das berühmte Unsinnsgedicht, das im Deutschen Unternahmen wie Der Jammerwoch oder Der Zipferlake kursiert. Wörter, die zwei Wörter in eine Haut stopfen. Kofferwörter, wie die Sprachwissenschaft sagt. und der Snark, der eine Schlange und ein Hai sein mag und amtlich keines von beiden ist. Was bedeuten diese Wörter? Nichts. Und das ist kein Mangel. Das ist Ihre Aufgabe. Fragen Sie, welchen Gegenstand ein solches Wort bezeichnet, und Sie finden keinen. Fragen Sie nach seiner Definition, und man reicht Ihnen seine eigenen Bestandteile, die sich gegenseitig jagen. Und trotzdem, und das können Sie im eigenen Ohr nachprüfen, ist so ein Gedicht kein Rauschen. Das Unsinnswort zieht dem Gedicht keinen Sinn ab. Es gießt ringsum Sinn hinein. Weil es selbst keine Bedeutung hat, kann es zirkulieren, verbinden, zünden. Die Verse ordnen sich um es herum. anschaulich und auf seltsame Weise verständlich. Irgendetwas war da mit einer Tageszeit und Sie wissen sofort, was für eine gemeint ist. Deleuze nennt ein solches Glied das paradoxe Element. Unsinn, wohlgemerkt, nicht als Abwesenheit von Sinn, nicht als das Absurde und nicht als das Rauschen, das die Ingenieure der letzten Folge herausgefiltert haben, sondern als Betrieb. Als das leere Feld, dessen Umlauf an jeder Station Sinn erzeugt. Für das leere Feld gibt es ein Bild, das jedes Kind kennt. Und Deleuze benutzt es tatsächlich. Das Schiebepuzzle. 15 nummerierte Steine in einem Rahmen für 16. Fragen Sie ein Kind, welches Feld das wichtigste ist. Das leere. Es ist das einzige, das nie einen Wert trägt. Und es ist der einzige Grund, warum sich überhaupt ein Stein bewegen kann. Füllen sie es. Und das Rätsel ist vollständig, richtig und tot. Ein gelöstes Schiebepuzzle ist ein erstarrtes Schiebepuzzle. Das Spiel ist der Umlauf des Lochs. Damit steht die Leere. Und sie lässt sich in einem Atemzug sagen, Sinn ist nicht gegeben. Sinn wird erzeugt. Er entsteht an der Oberfläche. Als unkörperliches Ereignis. Seine Erzeugung ist seriell und hat kein Erdgeschoss. Und angetrieben wird sie von einem Element reinen Unsinns, das in der Sprache selbst sitzt und nicht zu entfernen ist. Sinn und Unsinn sind keine Feinde beiderseits einer Grenze. Hier Nachricht, dort Störung. Sie sind zwei Funktionen derselben Maschinerie. Kein Umlauf des Unsinns, keine Erzeugung von Sinn. Eine Sprache, die von allem Unsinn gereinigt wäre, wäre keine vollkommene Sprache. Sie wäre eine tote, Serien, die nichts mehr antreibt, ein Schienennetz ohne Zug. Das Paradox zwingt zum Denken. Noch ein Werkzeug, dann kommen wir zu uns. Deleuze beginnt sein Buch mit einer Szene, die so schlicht ist, dass man ihre Unmöglichkeit übersieht. Alice trinkt aus dem Fläschchen und wächst. Nichts Seltsames bisher. Aber sehen Sie genau hin, was Alice wächst heißt. Indem sie wächst, wird sie größer als sie war. Zugleich, in derselben Bewegung, wird sie kleiner als sie sein wird. Sie ist nicht im selben Augenblick und in derselben Hinsicht größer und kleiner als sie selbst, das wäre bloß ein Widerspruch. Und langweilig. Sie wird beides zugleich. Größer als vorher, kleiner als nachher. Das Werden selbst entscheidet sich nicht für eine Richtung. Und daran hängt eine Beobachtung, die im Deutschen besonders gut sichtbar ist. Unser Wort Sinn bedeutet nämlich beides, so wie das französische Sens, die Bedeutung und die Richtung. Wir sagen im Uhrzeigersinn. Deleuze spielt genau damit. Was er den gesunden Menschenverstand nennt, ist die Festlegung auf eine Richtung. Die Zeit läuft von gestern nach morgen, die Vorhersage nach vorn, die Erklärung nach hinten, der Pfeil zeigt in eine Richtung. Und was er den Gemeinsinn nennt, ist die Annahme eines einheitlichen Ich vor einer einheitlichen Welt. Derselbe, der sieht, erinnert sich auch, spricht auch, will auch. Diese beiden zusammen, so unauffällig sie klingen, sind die stille Polizei der gewöhnlichen Bedeutung. Und das sollten sie hören. Sie sind genau das, was die Übertragungsvorstellung braucht. Ein stabiler Sprecher, eine stabile Welt und Nachrichten, die in eine Richtung fließen. Sender, Empfänger, Pfeil. Das Paradox dagegen bejaht beide Richtungen zugleich und delös rehabilitiert es. Es ist kein Denkfehler, kein Rätsel, das man auflösen müsste, keine Spitzfindigkeit, die man wegräumt. Das Paradox ist das, was Denken erzwingt. Man denkt nicht, weil man beschließt zu denken, sagt er gegen die gesamte Tradition des methodischen Philosophen. Man denkt, weil einem etwas dazwischenkommt, das sich nicht einordnen lässt. Alles andere ist Wiedererkennen und Verwaltung. Die amtliche Logik hat den umgekehrten Weg gewählt. Als Bertrand Russell an der Grundlage der Mathematik das berühmte Paradox der Menge aller Mengen fand, die sich nicht selbst enthalten, antwortete er mit Gesetzgebung, einer Typenlehre, einer strengen Hierarchie von Stufen, mit dem Verbot, dass ein Ausdruck auf sich selbst zutrifft. Als das Lügnerparadox die Wahrheit selbst befiel, antwortete Alfred Tarski ebenso. Objektsprache unten, Metasprache oben und über Wahrheit darf man nur von der Etage darüber sprechen. Hören Sie es? Das ist der Ausschluss des Dritten in amtlicher Kleidung. Die Platoniker haben den lärmenden Dritten aus dem Gespräch geworfen. die Logika den selbstbezüglichen Ausdruck aus der Sprache. Und die löses Antwort auf diese ganze Strategie ist das Buch, das wir gerade lesen. Was ihr da verbietet, ist der Motor. Nehmt ihn heraus und ihr bekommt keine gereinigte Bedeutung. Ihr bekommt einen Parkplatz. Zwei Arten von Unsinn. Bevor wir zu den Maschinen kommen, ein Vergleich, der uns den Rest dieser Reihe strukturiert. Denn Serres und Deleuze scheinen dasselbe zu sagen und sie sagen es nicht. Serres sagt Kein Sinn ohne Unsinn. Beide setzen das anrüchige Glied auf den Fahrersitz. Soweit die Übereinstimmung. Aber fragen sie, wo dieses Glied jeweils wohnt. Serres Dritter kommt an. Das Rauschen bricht ein, der Parasit klopft, setzt sich ungebeten an einen Tisch, der ohne ihn gedeckt wurde. Es kommt von außen und von unten. aus der Welt, gegen die zerbrechliche Ordnung, und es bleibt ein Gast, den man vertreiben kann und der wiederkommt. Delözes Unsinn klopft überhaupt nicht. Er sitzt schon am Tisch. Er ist ein Bestandteil der Sprache selbst, ein leeres Feld, das ins Spiel eingebaut wurde, so wie das Loch zum Schiebepuzzle gehört. Und noch tiefer. Woraus besteht Delözes Unsinn? Aus nichts. absichtlich und fachlich aus nichts, unkörperlich eine reine Stelle. Serres Rauschen dagegen ist laut. Es ist körperlich bis ins Mark. Knistern, Wärme, das Rauschen des Meeres, die Menge, der Sturm. In einem späteren Buch hat Serres daraus sogar einen Grund der Welt gemacht. das Hintergrundrauschen, aus dem sich jede Form kurz als Insel erhebt und in das sie zurückfällt. Also, bei Deleuze ein Loch in der Maschine, bei Ceres ein Ozean unter dem Boot. Das sind nicht zwei Namen für dieselbe Sache. Das sind die beiden Grenzen des Sinns. Ein System kann nach innen sterben, in dem sein leeres Feld gefüllt wird und der Umlauf stehen bleibt. Und es kann nach außen sterben, indem der Ozean die Insel zurückholt oder indem man ihn so gründlich aussperrt, dass die Insel verdurstet. Merken Sie sich diese Doppelgrenze. In der übernächsten Folge werden wir sehen, dass ausgerechnet Luhmann derjenige war, der beide Küsten brauchte und dass er beide französischen Bücher tatsächlich gelesen hat. Siebtens. Ein System, das nie stolpert. und damit zu der Frage, auf die dieser ganze Bogen zuläuft. Ich formuliere sie heute zum ersten Mal vollständig und sie wird uns bis zum Ende begleiten. Was ist ein System, das Sinn erzeugt, ohne je auf Unsinn zu stoßen? Halten Sie das neben das, was Sie über die heutigen Sprachmaschinen wissen. Diese Systeme sind darauf trainiert, das wahrscheinlichste nächste Wort zu wählen. Ihre Güte wird in genau der Währung gemessen, die nach Shannons eigener Rechnung die Währung der Leere ist. Vorhersagbarkeit. In Deleuces Bildern gesprochen, ist die ganze Anlage eine Maschine zum Füllen leerer Felder. Und beobachten Sie, was geschieht, wenn Sie einem solchen System ein Paradox vorlegen. Dieser Satz ist falsch. Die Menge aller Mengen. Der Name des Namens des Liedes. Hält es inne? Sie wissen, dass es das nicht tut. Es erzeugt flüssig und prompt und in wohlgeformten Absätzen eine Abhandlung über das Paradox. Geschichte, Struktur, Russells Lösung, Taskys Lösung, ein ausgewogenes Fazit. Der Regress Der Achilles auf der Stelle festhielt, die Selbstbezüglichkeit, die die Grundlagen der Mathematik erschütterte und eine Generation von Logikern zum Umbau zwang, geht durch dieses System hindurch, ohne Widerstand, und wird beim Eintreffen in weiteren Text verwandelt. Russell hat die Typenlehre gebaut. damit die Sprache vor dem Abgrund anhält. Die Erbauer dieser Systeme haben, mit umgekehrter Genialität, etwas gebaut, das durch nichts angehalten werden kann. Wenn Denken das ist, wozu das Paradox zwingt, und wenn nichts diese Systeme zwingen kann, dann geht durch sie alles hindurch außer dem Denken. Das ist die härteste Formulierung und ich lasse sie stehen, aber nicht unwidersprochen. Denn 1. könnte der Zwang an einer Stelle stattgefunden haben, die von innen nicht sichtbar ist, nämlich im Training, in Milliarden kleiner Niederlagen, die die Form geprägt haben. Und 2. Erinnern Sie sich an den Temperaturregler aus der letzten Folge. Man hat absichtlich Zufall eingebaut, weil die Systeme sonst tot klingen. Nur ist Zufall eben Serresrauschen. ein Ozean durch ein Ventil und ob man damit ein Loch kaufen kann, ein leeres Feld im Sinne von Deleuze, das hat bisher niemand gezeigt. Ein Roulette-Kessel, den man an einen Aktenschrank schraubt, ist immer noch ein Aktenschrank. Und dann zum Schluss die unbequeme Wendung, die ich Ihnen nicht ersparen will. Die Frage dieser Reihe lautet nicht, was ist an Maschinen falsch. Sie lautet, Was ist ein System, das Sinn erzeugt, ohne je auf Unsinn zu stoßen? Richten Sie diese Frage einmal auf uns. Auf den Behördenbescheid, dessen Absätze aus Absätzen zusammengesetzt sind und in dem kein einziger Satz je einem Fall begegnet ist. Auf die Pressemitteilung. Auf das Leitbild an der Wand. Auf die Sitzung, deren Ergebnis ein Protokoll ist, das zur nächsten Sitzung führt. Auf den Wetterplausch, der genau deshalb in seinen Rillen läuft, damit nichts Unerwartetes geschieht. Sind das nicht, nach unserer Bestimmung, Systeme, die Sinnformen erzeugen, ohne je zu stolpern? Wir haben keine Maschinen gebraucht, um so etwas zu bauen. Wir bauen es seit Jahrhunderten in Prosa. Die Maschinen haben nur eine Möglichkeit ins Große gebracht, die in der Sprache immer schon steckte. Vielleicht ist das Unbehagen, dass die flüssigen Maschinen auslösen, gar nicht Angst vor dem, was sie sind. Vielleicht ist es Wiedererkennen. Drei Bausteine haben wir nun. Bedeutung wird nicht übertragen, sondern beim Empfänger hergestellt. Ordnung schneidet sich aus einem Rauschen heraus, das ihr vorausgeht. Und Sinn entsteht nur dort, wo etwas zirkuliert, das selbst keinen Sinn hat. In der nächsten Folge kommt eine kleine Detektivgeschichte und sie hat mit Fußnoten zu tun. Die übliche Erzählung sagt, die französische und die deutsche Theorie hätten getrennt voneinander existiert, zwei Kontinente, die sich erst spät über Übersetzungen berührten. Diese Erzählung ist falsch und man kann es nachschlagen. Luhmann zitiert Ceres Und er zitiert Deleuzes »Logik des Sins« auf Französisch. Und zwar genau dort, wo er seinen eigenen Begriff des Sins errichtet. Was das bedeutet und was es darüber sagt, wie Gedanken in Wirklichkeit reisen, das ist Folge 9. Bis dahin, wenn Sie ein Schiebepuzzle finden, spielen Sie es einmal durch. Und wenn es gelöst ist, vollständig und richtig und fertig, dann schauen Sie es an und fragen sich, was da gerade gestorben ist. Das war Folge Nummer von Das Bewusstsein der Maschinen, einer Reihe im Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik. Diese Folge wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt, bei der Recherche, beim Schreiben und beim Sprechen. Ausgewählt, geprüft und verantwortet hat sie ein Mensch. Bei einer Reihe über das Bewusstsein der Maschinen gehört dieser Hinweis ehrlich gesagt mit zum Thema. Die Literatur zu dieser Folge mit Seitenangaben findest du in den Shownotes. Wenn dir etwas fehlt oder dir ein Fehler auffällt, schreib uns. Einwände greifen wir in späteren Folgen auf. Alle Folgen und Quellen dieser Reihe gfa-ev.com Und wenn du mehr hören willst, Auf gfaefa.de findest du den Verband und unsere übrigen Podcast-Reihen zu Kunst und Kulturgeschichte, zu künstlicher Intelligenz und Suche, historische Vorträge aus fünf Jahrzehnten und eine englischsprachige Reihe zur Kybernetik. Bis zum nächsten Mal. Ich freue mich auf euch.

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