Das Bewusstsein der Maschinen
Sinn und Unsinn
01.10.2026 30 min
Zusammenfassung & Show Notes
Die dritte Folge des Kommunikationsbogens bringt den Gegenspieler. Wo Serres zeigte, dass jede Ordnung sich gegen ein Rauschen behauptet, das von außen kommt, lehnt Gilles Deleuze in „Logik des Sinns" (1969) die Grundannahme ab, es gebe überhaupt etwas zu tragen: Sinn wird nicht herangeschafft, sondern erzeugt, an der Oberfläche, seriell, und mit Hilfe des Unsinns.
Vorgestellt werden die eigenwillige Form des Buches (vierunddreißig Serien statt Kapitel) und seine beiden Hausgeister, Lewis Carroll und die Stoiker, die beiden Momente, in denen der Sinn an der Oberfläche statt in der Tiefe gesucht wurde. Der tragende Abschnitt rekonstruiert die stoische Unterscheidung von Körpern und Unkörperlichem: das Messer, das Fleisch, und das Geschnittenwerden, das kein dritter Körper ist; die Schlacht, die über dem Schlachtfeld schwebt; Sinn als unkörperliches Ereignis, das besteht, aber nicht existiert. Carrolls Regresse, die Schildkröte gegen Achilles und das viergeschossige Lied des Weißen Ritters, zeigen, dass die Sprache kein Erdgeschoss hat. Was die Serien statt eines Fundaments antreibt, ist das paradoxe Element: Kofferwörter, der Snark, und das leere Feld des Schiebepuzzles, das einzige Feld ohne Wert und der einzige Grund, warum sich etwas bewegt.
Es folgt die Rehabilitierung des Paradoxes als das, was Denken erzwingt, mit dem im Deutschen besonders sichtbaren Doppelsinn von Sinn als Bedeutung und Richtung, und mit Russells Typenlehre und Tarskis Stufen als Ausschluss des Dritten in amtlicher Kleidung. Ein Vergleich trennt sauber zwei Arten von Unsinn: bei Serres ein körperlicher Ozean von außen, bei Deleuze ein unkörperliches Loch von innen, also die beiden Grenzen des Sinns. Zum Schluss wird die Leitfrage der Reihe erstmals vollständig formuliert und zweimal angewendet: auf Maschinen, die durch kein Paradox aufzuhalten sind, und auf uns, auf Behördendeutsch, Leitbilder und Sitzungsprotokolle.
Vorgestellt werden die eigenwillige Form des Buches (vierunddreißig Serien statt Kapitel) und seine beiden Hausgeister, Lewis Carroll und die Stoiker, die beiden Momente, in denen der Sinn an der Oberfläche statt in der Tiefe gesucht wurde. Der tragende Abschnitt rekonstruiert die stoische Unterscheidung von Körpern und Unkörperlichem: das Messer, das Fleisch, und das Geschnittenwerden, das kein dritter Körper ist; die Schlacht, die über dem Schlachtfeld schwebt; Sinn als unkörperliches Ereignis, das besteht, aber nicht existiert. Carrolls Regresse, die Schildkröte gegen Achilles und das viergeschossige Lied des Weißen Ritters, zeigen, dass die Sprache kein Erdgeschoss hat. Was die Serien statt eines Fundaments antreibt, ist das paradoxe Element: Kofferwörter, der Snark, und das leere Feld des Schiebepuzzles, das einzige Feld ohne Wert und der einzige Grund, warum sich etwas bewegt.
Es folgt die Rehabilitierung des Paradoxes als das, was Denken erzwingt, mit dem im Deutschen besonders sichtbaren Doppelsinn von Sinn als Bedeutung und Richtung, und mit Russells Typenlehre und Tarskis Stufen als Ausschluss des Dritten in amtlicher Kleidung. Ein Vergleich trennt sauber zwei Arten von Unsinn: bei Serres ein körperlicher Ozean von außen, bei Deleuze ein unkörperliches Loch von innen, also die beiden Grenzen des Sinns. Zum Schluss wird die Leitfrage der Reihe erstmals vollständig formuliert und zweimal angewendet: auf Maschinen, die durch kein Paradox aufzuhalten sind, und auf uns, auf Behördendeutsch, Leitbilder und Sitzungsprotokolle.
GfA – Der Podcast
Der deutschsprachige Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Themen wechseln, im Wesentlichen geht es zurzeit um das Bewusstsein der Maschinen: Was Kybernetik und Systemtheorie zu Fragen nach Bewusstsein, Kommunikation und künstlicher Intelligenz beitragen können. Die Folgen bauen aufeinander auf, du kannst aber auch einzeln einsteigen.
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe von einer synthetischen Stimme.
Themen der Folge
- Deleuze in Kürze; Lesen als schöpferischer Verrat; die Nähe zu Serres' Methode
- Logik des Sinns" (1969): Serien statt Kapitel, Form als These
- Carroll und die Stoiker: die Philosophie der Oberfläche– Körper und Unkörperliches; das Sagbare; Messer, Fleisch, Geschnittenwerden
- Die Schlacht über dem Schlachtfeld; Sinn als Ereignis
- Warum die Übertragungsfrage sich auflöst; die Nähe zu Luhmann
- Der Regress des Sinns: Achilles und die Schildkröte; das Lied des Weißen Ritters
- Unsinn als Betrieb: Kofferwörter, der Snark, das paradoxe Element
- Das leere Feld: das Schiebepuzzle und der gelöste, also tote Zustand
- Alice wächst: das Werden in beide Richtungen
- Sinn als Bedeutung und als Richtung; gesunder Menschenverstand und Gemeinsinn als stille Polizei
- Russell und Tarski: der Ausschluss des Dritten in der Logik
- Zwei Arten von Unsinn: Ozean und Loch; die Doppelgrenze des Sinns
- Die Leitfrage der Reihe; Maschinen, die nicht anzuhalten sind; der Temperaturregler als offene Gegenfrage
- Die Umkehrung: Behördenprosa, Floskeln, Protokolle.
LITERATUR
- Gilles Deleuze: *Logik des Sinns*. Übersetzt von Bernhard Dieckmann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993. (Original: *Logique du sens*, Minuit, Paris 1969.)
- Gilles Deleuze: *Differenz und Wiederholung*. Fink, München 1992. (Original 1968; zum Begriff der Begegnung, die das Denken erzwingt.)
- Lewis Carroll: *Alice im Wunderland / Alice hinter den Spiegeln*. Diverse Ausgaben; das Lied des Weißen Ritters in Kapitel VIII von „Alice hinter den Spiegeln".
- Lewis Carroll: „Was die Schildkröte zu Achilles sagte" (1895). Deutsch u. a. in: Douglas R. Hofstadter, *Gödel, Escher, Bach*. Klett-Cotta, Stuttgart 1985.
- Émile Bréhier: *La théorie des incorporels dans l'ancien stoïcisme*. Vrin, Paris 1928. (Deleuzes Hauptquelle zur stoischen Ereignislehre.)
- Maximilian Forschner: *Die stoische Ethik*. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995. (Zugang zur Stoa auf Deutsch.)
- Bertrand Russell: „Mathematical Logic as Based on the Theory of Types" (1908).
- Alfred Tarski: „Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen" (1935). In: *Studia Philosophica*, Bd. 1.
- Michel Serres: *Der Parasit*. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987. (Zum Vergleich der beiden Arten von Unsinn.)
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Transkript
Willkommen zurück zu einer neuen Folge von
Das Bewusstsein der Maschinen GFA, der
Podcast. Eine Produktion der Gesellschaft
für Arbeitsmethodik. Du hörst die Reihe
Das Bewusstsein der Maschinen. Es geht um
eine Frage, die älter ist als die
künstliche Intelligenz und die durch sie
erst richtig unangenehm geworden ist. Was
heißt es eigentlich, dass etwas denkt? Und
wer entscheidet das? Folge 9 Sinn und
Unsinn Zwei Bausteine haben wir bisher.
Von Niklas Luhmann. Es wird nichts
übertragen. Bedeutung reißt nicht, sie
wird beim Empfänger hergestellt und
Kommunikation ist ein eigenes System
zwischen den Beteiligten. Von Michel
Serres. Jede Ordnung schneidet sich aus
einem Rauschen heraus, das ihr vorausgeht.
Der Dritte an der Tür ist nicht der Feind
der Verständigung, sondern ihre Bedingung.
Bei allem, was Ceres uns gezeigt hat,
blieb aber eine Annahme unangetastet.
Etwas wird getragen. So verzerrt, so
besteuert, so verraten von jedem Boten
auch immer. Irgendwo weiter oben gibt es
eine Bedeutung, die auf die Reise geht.
Heute kommt ein Denker, der diese Annahme
nicht angreift. Er lehnt sie einfach ab.
Es gibt nichts weiter oben, sagt er. Sinn
wird nicht von irgendwoher herangeschafft.
Sinn wird hergestellt, an Ort und Stelle,
auf einer sehr dünnen Fläche, und zwar aus
Material, zu dem unverzichtbar sein
eigenes Gegenteil gehört. Und um das zu
zeigen, bringt er das seltsamste Werkzeug
mit, das die Philosophiegeschichte kennt.
ein kleines Mädchen, das in ein
Kaninchenloch fällt, eine Schule antiker
Philosophen, die glaubten, dass fast
nichts existiert, und ein Buch ohne
Kapitel. Gilles Deleuze, Logik des Sinns.
Ein Buch aus Serien. Zuerst kurz zur
Person, und ich halte mich absichtlich
kurz, weil Deleuze den biografischen
Zugang zur Philosophie verachtet hat.
Geboren 1925 in Paris, gestorben 1995 in
Paris. Anders als der Seefahrer Serres ist
er kaum irgendwo hingereist. Er sagte
gern, manche Reisen finde man im Sitzen,
und er war der sesshafteste Mensch, der
ununterbrochen über Nomaden schrieb. Er
war Lehrer in Vincennes, von seinen
Studenten geliebt, mit heiserer Stimme und
berühmtem Hut. Seine Methode, die großen
Philosophen zu lesen, hat er selbst mit
einem etwas derben Scherz beschrieben, den
ich für den Hausgebrauch abschleife. Er
habe sich die Denker von hinten genähert
und ihnen Kinder gemacht, die sie nie
gewollt hätten. Bücher über Hume,
Nietzsche, Bergson, Spinoza, Jedes in den
Belegen, genau und in der Wirkung
umstürzend. Sie erinnern sich an Serres,
der Lucrez als Strömungslehre und La
Fontaine als Nachrichtentheorie las,
anderes Temperament, dasselbe Vergehen.
Beide betreiben Lesen als schöpferischen
Verrat. Beide haben übrigens eine Zeit
lang in Vincenz gelehrt und einander
gelesen. Und dann, am Ende der 60er Jahre,
erschienen die zwei Bücher, die Deleuze zu
Deleuze machten. Differenz und
Wiederholung 1968 und, ein Jahr später, im
selben Jahr wie Serres erster Hermes-Band,
Logique du sens, die Logik des Sinns.
Dieses Buch hat keine Kapitel und das ist
bereits die erste Lehre. Es besteht aus 34
Serien, Serie der Paradoxien des reinen
Werdens, Serie des Problematischen, Serie
über das moralische Problem in der
stoischen Philosophie und so fort. Ein
Kapitel umschließt sein Thema. Eine Serie
läuft. Die Glieder einer Serie verweisen
nach vorn und nach hinten. Jedes wird erst
durch seine Nachbarn verständlich. Keines
steht für sich. Und das Ganze hält nicht
durch ein Fundament darunter zusammen,
sondern durch Bewegung entlang der Reihe.
Deleuze hat das Buch so gebaut, dass es
seine eigene These vorführt. Wenn Sinn
seriell entsteht, wenn kein Wort seine
Bedeutung in sich trägt wie eine Fracht in
ihrem Behälter, dann soll die Leserin die
Lehre im Lesen erfahren, bevor sie sie
versteht. Die Schlacht über dem
Schlachtfeld. Die beiden Hausgeister des
Buches sind so ungleich, wie zwei
Hausgeister nur sein können. Der eine ist
Lewis Carroll, der Oxforder
Mathematikdozent und Verfasser von Alice
im Wunderland. Der andere sind die
Stoiker, Chrysipp und seine Schule,
drittes Jahrhundert vor unserer
Zeitrechnung. Was verbindet einen
viktorianischen Kinderbuchautor mit der
antiken Stoa? Alles, sagt Deleuze. Es sind
die beiden Momente, in denen das
abendländische Denken aufgehört hat, den
Sinn in der Tiefe zu suchen. in
Wesenheiten, in Ideen, im Inneren der
Seele und ihn dort gefunden hat, wo
niemand hinsah – an der Oberfläche. Alice
fällt am Anfang bekanntlich nach unten,
immer weiter nach unten. Und je tiefer die
Bücher gehen, desto deutlicher wird ihre
Entdeckung. Alles, worauf es ankommt,
geschieht an Oberflächen. Spiegel,
Schachbretter, Spielkarten. Und was ist
eine Spielkarte anderes als reine
Oberfläche? dünn wie ein Satz. Und jetzt
die Stoiker und hier bitte ich sie
langsamer zu werden, denn die nächsten
Minuten tragen die ganze Folge. Die
Stoiker haben die Wirklichkeit mit einem
einzigen Schnitt geteilt und dieser
Schnitt fällt nicht dort, wo man ihn
erwartet. Auf der einen Seite die Körper.
Und Körper ist für die Stoiker fast alles,
nicht nur Tische und Katzen, sondern auch
Seelen, Tugenden, Feuer, Atem. Alles, was
wirken oder erleiden kann, ist körperlich,
und die Körper durchdringen einander in
einer einzigen großen Mischung. Alles
drückt auf alles. Auf der anderen Seite
des Schnitts dünn, gewichtslos, fast
nichts, das Unkörperliche. Dinge, die
streng genommen nicht existieren, sondern
im vorsichtigen Wort der Stoiker bestehen.
Die Zeit. Der leere Raum. Der Ort. Und
viertens das, worum es uns geht. Das
Sagbare. Das, was in einem Satz
ausgedrückt wird. Nehmen wir Ihr eigenes
Beispiel. Von Deleuze zugespitzt. Ein
Messer schneidet Fleisch. Was gibt es da?
Es gibt das Messer, ein Körper. Es gibt
das Fleisch, ein Körper. Es gibt die
physikalische Mischung. Stahl dringt in
Gewebe. Körper wirkt auf Körper. Und nun
das Geschnittenwerden. Das, was
ausgedrückt wird, wenn wir sagen, das
Fleisch wird geschnitten. Was ist das und
wo ist es? Es ist kein dritter Körper. Sie
werden geschnitten sein, Nicht in der
Wunde finden. Es wiegt nichts. Es liegt
nirgends. Es ist keine Eigenschaft des
Messers und keine des Fleisches. Es ist,
sagen die Stoiker, ein unkörperliches
Zukommen, ein Ereignis, das an der
Oberfläche der Körper spielt, und im
Zeitwort ausgedrückt wird. Nicht das
Messer, nicht das Fleisch, sondern
schneiden, geschnitten werden. Deleuze hat
dafür ein Bild, dass man nicht mehr los
wird. Die Schlacht schwebt über dem
Schlachtfeld. Sie können jeden Körper auf
dem Feld auflisten. Soldaten, Pferde,
Stahl, Schlamm. Und die Schlacht selbst
ist keiner davon. Sie ist das, was ihnen
allen zukommt, Ein unkörperliches
Ereignis, über das Ganze gebreitet, das
niemandem gehört und in der Sprache und
nur dort ausgedrückt wird. Und genau dort,
sagte Loeß, wohnt der Sinn. Sinn ist kein
Ding unter Dingen. Sinn ist auch keine
Vorstellung in einem Kopf. Sinn ist das
ausgedrückte Ereignis, die unkörperliche
Grenze zwischen Sprache und Welt, die zu
keiner von beiden ganz gehört. Halten Sie
das einen Moment neben unsere erste Folge.
Die Übertragungsvorstellung fragte, wie
kommt die Bedeutung aus einem Kopf in
einen anderen? Und jede Antwort setzte
voraus, dass Bedeutung eine Fracht ist,
die irgendwo fertig vorliegt. Delözes
stoischer Zug löst die Frage auf, indem er
ihre Voraussetzungen wegnimmt. Sinn war
nie in einem Kopf, weil Sinn nicht die Art
von Sache ist, die in etwas ist. Er
besteht, er schwebt. Man überträgt ihn
nicht. Man stellt Bedingungen her, unter
denen an der Oberfläche der eigenen Worte
das Ereignis des Sins noch einmal
geschieht, drüben an anderen Körpern. Das
ist nebenbei bemerkt dieselbe Bewegung,
die wir bei Luhmann gesehen haben, nur in
einer anderen Sprache. Nichts geht
hinüber. Jedes System erzeugt bei sich
selbst seine eigene Ordnung. Deleuze
liefert dazu die Ontologie. Was die
Hörerin herstellt, ist keine Kopie eines
inneren Originals, denn es gab kein
inneres Original. Es gab Körper, Laute,
Zeichen und darüber unkörperlich und
herrenlos das Ereignis des Sinns. Der
Boden fehlt. Jetzt geht die Lösung weiter
und hier beginnt das eigentliche Thema der
Folge. Versuchen Sie einmal den Sinn eines
Satzes anzugeben. Ich sage, es regnet. Sie
fragen, was das bedeutet, und ich kann nur
mit einem weiteren Satz antworten. Es
bedeutet, dass Regen fällt. Nach dessen
Sinn können Sie wieder fragen, und ich
brauche einen dritten Satz, und so weiter.
Der Sinn eines Satzes steckt nie in diesem
Satz. Er lässt sich immer nur mit dem
nächsten einfangen, dessen Sinn wiederum
in den nächsten flieht. Carol hat diesen
Regress zweimal in Szene gesetzt,
unvergesslich. Einmal in der kleinen
Geschichte von Achilles und der
Schildkröte, in der die Schildkröte sich
weigert, einen Schluss zu ziehen, solange
die Regel, die ihn erlaubt, nicht selbst
als Prämisse aufgeschrieben ist. Sobald
sie aufgeschrieben ist, verlangt sie eine
Regel für diese Prämisse und dann eine
Regel für die Regel. Der arme Achilles
erreicht die Schlussfolgerung nie, die
zwei Schritte vor ihm liegt. Und einmal,
in Alice hinter den Spiegeln, in der wohl
reizendsten Passage der Bedeutungslehre.
Der weiße Ritter will Alice ein Lied
vorsingen. Der Name des Liedes erklärt er
heiße Schellfischaugen. Ach so, sagt
Alice. Das ist der Name des Liedes? Nein,
nein, sagt der Ritter. So heißt der Name.
Der Name des Liedes ist in Wahrheit Der
alte, alte Mann. Das Lied wird genannt
Mittel und Wege. Aber das Lied selbst ist
natürlich auf einem Gatter sitzend. Vier
Ebenen, jede benennt die nächste. Keine
ist der Grund. Die Sprache führt Carroll
mit todernstem Gesicht vor, hat kein
Erdgeschoss. Jeder Versuch, den Sinn eines
Ausdrucks zu fassen, erzeugt einen neuen
Ausdruck, dessen Sinn genauso schnell
entweicht. Bedeutung ist ein Horizont, der
genauso schnell zurückweicht, wie man auf
ihn zugeht. Und jetzt die entscheidende
Frage. Wenn die Reihe unendlich
zurückweicht, was hindert die Sprache
daran, sich einfach aufzulösen? immer
weiter rückwärts zu laufen und nie etwas
zu sagen. Deleuses Antwort ist der
Gedanke, um dessen Willen wir dieses Buch
überhaupt aufschlagen. Was die Serien in
Gang hält, sagt er, ist ein Element, das
durch sie hindurch zirkuliert, ohne an
eine ihrer Stellen zu gehören. Und dieses
Element ist, genau und fachlich
gesprochen, Unsinn. Der Unsinn als Motor.
Carol hat solche Ausdrücke fabrikmäßig
hergestellt und genau gewusst, was er tat.
Denken Sie an das berühmte Unsinnsgedicht,
das im Deutschen Unternahmen wie Der
Jammerwoch oder Der Zipferlake kursiert.
Wörter, die zwei Wörter in eine Haut
stopfen. Kofferwörter, wie die
Sprachwissenschaft sagt. und der Snark,
der eine Schlange und ein Hai sein mag und
amtlich keines von beiden ist. Was
bedeuten diese Wörter? Nichts. Und das ist
kein Mangel. Das ist Ihre Aufgabe. Fragen
Sie, welchen Gegenstand ein solches Wort
bezeichnet, und Sie finden keinen. Fragen
Sie nach seiner Definition, und man reicht
Ihnen seine eigenen Bestandteile, die sich
gegenseitig jagen. Und trotzdem, und das
können Sie im eigenen Ohr nachprüfen, ist
so ein Gedicht kein Rauschen. Das
Unsinnswort zieht dem Gedicht keinen Sinn
ab. Es gießt ringsum Sinn hinein. Weil es
selbst keine Bedeutung hat, kann es
zirkulieren, verbinden, zünden. Die Verse
ordnen sich um es herum. anschaulich und
auf seltsame Weise verständlich.
Irgendetwas war da mit einer Tageszeit und
Sie wissen sofort, was für eine gemeint
ist. Deleuze nennt ein solches Glied das
paradoxe Element. Unsinn, wohlgemerkt,
nicht als Abwesenheit von Sinn, nicht als
das Absurde und nicht als das Rauschen,
das die Ingenieure der letzten Folge
herausgefiltert haben, sondern als
Betrieb. Als das leere Feld, dessen Umlauf
an jeder Station Sinn erzeugt. Für das
leere Feld gibt es ein Bild, das jedes
Kind kennt. Und Deleuze benutzt es
tatsächlich. Das Schiebepuzzle. 15
nummerierte Steine in einem Rahmen für 16.
Fragen Sie ein Kind, welches Feld das
wichtigste ist. Das leere. Es ist das
einzige, das nie einen Wert trägt. Und es
ist der einzige Grund, warum sich
überhaupt ein Stein bewegen kann. Füllen
sie es. Und das Rätsel ist vollständig,
richtig und tot. Ein gelöstes
Schiebepuzzle ist ein erstarrtes
Schiebepuzzle. Das Spiel ist der Umlauf
des Lochs. Damit steht die Leere. Und sie
lässt sich in einem Atemzug sagen, Sinn
ist nicht gegeben. Sinn wird erzeugt. Er
entsteht an der Oberfläche. Als
unkörperliches Ereignis. Seine Erzeugung
ist seriell und hat kein Erdgeschoss. Und
angetrieben wird sie von einem Element
reinen Unsinns, das in der Sprache selbst
sitzt und nicht zu entfernen ist. Sinn und
Unsinn sind keine Feinde beiderseits einer
Grenze. Hier Nachricht, dort Störung. Sie
sind zwei Funktionen derselben
Maschinerie. Kein Umlauf des Unsinns,
keine Erzeugung von Sinn. Eine Sprache,
die von allem Unsinn gereinigt wäre, wäre
keine vollkommene Sprache. Sie wäre eine
tote, Serien, die nichts mehr antreibt,
ein Schienennetz ohne Zug. Das Paradox
zwingt zum Denken. Noch ein Werkzeug, dann
kommen wir zu uns. Deleuze beginnt sein
Buch mit einer Szene, die so schlicht ist,
dass man ihre Unmöglichkeit übersieht.
Alice trinkt aus dem Fläschchen und
wächst. Nichts Seltsames bisher. Aber
sehen Sie genau hin, was Alice wächst
heißt. Indem sie wächst, wird sie größer
als sie war. Zugleich, in derselben
Bewegung, wird sie kleiner als sie sein
wird. Sie ist nicht im selben Augenblick
und in derselben Hinsicht größer und
kleiner als sie selbst, das wäre bloß ein
Widerspruch. Und langweilig. Sie wird
beides zugleich. Größer als vorher,
kleiner als nachher. Das Werden selbst
entscheidet sich nicht für eine Richtung.
Und daran hängt eine Beobachtung, die im
Deutschen besonders gut sichtbar ist.
Unser Wort Sinn bedeutet nämlich beides,
so wie das französische Sens, die
Bedeutung und die Richtung. Wir sagen im
Uhrzeigersinn. Deleuze spielt genau damit.
Was er den gesunden Menschenverstand
nennt, ist die Festlegung auf eine
Richtung. Die Zeit läuft von gestern nach
morgen, die Vorhersage nach vorn, die
Erklärung nach hinten, der Pfeil zeigt in
eine Richtung. Und was er den Gemeinsinn
nennt, ist die Annahme eines einheitlichen
Ich vor einer einheitlichen Welt.
Derselbe, der sieht, erinnert sich auch,
spricht auch, will auch. Diese beiden
zusammen, so unauffällig sie klingen, sind
die stille Polizei der gewöhnlichen
Bedeutung. Und das sollten sie hören. Sie
sind genau das, was die
Übertragungsvorstellung braucht. Ein
stabiler Sprecher, eine stabile Welt und
Nachrichten, die in eine Richtung fließen.
Sender, Empfänger, Pfeil. Das Paradox
dagegen bejaht beide Richtungen zugleich
und delös rehabilitiert es. Es ist kein
Denkfehler, kein Rätsel, das man auflösen
müsste, keine Spitzfindigkeit, die man
wegräumt. Das Paradox ist das, was Denken
erzwingt. Man denkt nicht, weil man
beschließt zu denken, sagt er gegen die
gesamte Tradition des methodischen
Philosophen. Man denkt, weil einem etwas
dazwischenkommt, das sich nicht einordnen
lässt. Alles andere ist Wiedererkennen und
Verwaltung. Die amtliche Logik hat den
umgekehrten Weg gewählt. Als Bertrand
Russell an der Grundlage der Mathematik
das berühmte Paradox der Menge aller
Mengen fand, die sich nicht selbst
enthalten, antwortete er mit Gesetzgebung,
einer Typenlehre, einer strengen
Hierarchie von Stufen, mit dem Verbot,
dass ein Ausdruck auf sich selbst
zutrifft. Als das Lügnerparadox die
Wahrheit selbst befiel, antwortete Alfred
Tarski ebenso. Objektsprache unten,
Metasprache oben und über Wahrheit darf
man nur von der Etage darüber sprechen.
Hören Sie es? Das ist der Ausschluss des
Dritten in amtlicher Kleidung. Die
Platoniker haben den lärmenden Dritten aus
dem Gespräch geworfen. die Logika den
selbstbezüglichen Ausdruck aus der
Sprache. Und die löses Antwort auf diese
ganze Strategie ist das Buch, das wir
gerade lesen. Was ihr da verbietet, ist
der Motor. Nehmt ihn heraus und ihr
bekommt keine gereinigte Bedeutung. Ihr
bekommt einen Parkplatz. Zwei Arten von
Unsinn. Bevor wir zu den Maschinen kommen,
ein Vergleich, der uns den Rest dieser
Reihe strukturiert. Denn Serres und
Deleuze scheinen dasselbe zu sagen und sie
sagen es nicht. Serres sagt Kein Sinn ohne
Unsinn. Beide setzen das anrüchige Glied
auf den Fahrersitz. Soweit die
Übereinstimmung. Aber fragen sie, wo
dieses Glied jeweils wohnt. Serres Dritter
kommt an. Das Rauschen bricht ein, der
Parasit klopft, setzt sich ungebeten an
einen Tisch, der ohne ihn gedeckt wurde.
Es kommt von außen und von unten. aus der
Welt, gegen die zerbrechliche Ordnung, und
es bleibt ein Gast, den man vertreiben
kann und der wiederkommt. Delözes Unsinn
klopft überhaupt nicht. Er sitzt schon am
Tisch. Er ist ein Bestandteil der Sprache
selbst, ein leeres Feld, das ins Spiel
eingebaut wurde, so wie das Loch zum
Schiebepuzzle gehört. Und noch tiefer.
Woraus besteht Delözes Unsinn? Aus nichts.
absichtlich und fachlich aus nichts,
unkörperlich eine reine Stelle. Serres
Rauschen dagegen ist laut. Es ist
körperlich bis ins Mark. Knistern, Wärme,
das Rauschen des Meeres, die Menge, der
Sturm. In einem späteren Buch hat Serres
daraus sogar einen Grund der Welt gemacht.
das Hintergrundrauschen, aus dem sich jede
Form kurz als Insel erhebt und in das sie
zurückfällt. Also, bei Deleuze ein Loch in
der Maschine, bei Ceres ein Ozean unter
dem Boot. Das sind nicht zwei Namen für
dieselbe Sache. Das sind die beiden
Grenzen des Sinns. Ein System kann nach
innen sterben, in dem sein leeres Feld
gefüllt wird und der Umlauf stehen bleibt.
Und es kann nach außen sterben, indem der
Ozean die Insel zurückholt oder indem man
ihn so gründlich aussperrt, dass die Insel
verdurstet. Merken Sie sich diese
Doppelgrenze. In der übernächsten Folge
werden wir sehen, dass ausgerechnet
Luhmann derjenige war, der beide Küsten
brauchte und dass er beide französischen
Bücher tatsächlich gelesen hat. Siebtens.
Ein System, das nie stolpert. und damit zu
der Frage, auf die dieser ganze Bogen
zuläuft. Ich formuliere sie heute zum
ersten Mal vollständig und sie wird uns
bis zum Ende begleiten. Was ist ein
System, das Sinn erzeugt, ohne je auf
Unsinn zu stoßen? Halten Sie das neben
das, was Sie über die heutigen
Sprachmaschinen wissen. Diese Systeme sind
darauf trainiert, das wahrscheinlichste
nächste Wort zu wählen. Ihre Güte wird in
genau der Währung gemessen, die nach
Shannons eigener Rechnung die Währung der
Leere ist. Vorhersagbarkeit. In Deleuces
Bildern gesprochen, ist die ganze Anlage
eine Maschine zum Füllen leerer Felder.
Und beobachten Sie, was geschieht, wenn
Sie einem solchen System ein Paradox
vorlegen. Dieser Satz ist falsch. Die
Menge aller Mengen. Der Name des Namens
des Liedes. Hält es inne? Sie wissen, dass
es das nicht tut. Es erzeugt flüssig und
prompt und in wohlgeformten Absätzen eine
Abhandlung über das Paradox. Geschichte,
Struktur, Russells Lösung, Taskys Lösung,
ein ausgewogenes Fazit. Der Regress Der
Achilles auf der Stelle festhielt, die
Selbstbezüglichkeit, die die Grundlagen
der Mathematik erschütterte und eine
Generation von Logikern zum Umbau zwang,
geht durch dieses System hindurch, ohne
Widerstand, und wird beim Eintreffen in
weiteren Text verwandelt. Russell hat die
Typenlehre gebaut. damit die Sprache vor
dem Abgrund anhält. Die Erbauer dieser
Systeme haben, mit umgekehrter Genialität,
etwas gebaut, das durch nichts angehalten
werden kann. Wenn Denken das ist, wozu das
Paradox zwingt, und wenn nichts diese
Systeme zwingen kann, dann geht durch sie
alles hindurch außer dem Denken. Das ist
die härteste Formulierung und ich lasse
sie stehen, aber nicht unwidersprochen.
Denn 1. könnte der Zwang an einer Stelle
stattgefunden haben, die von innen nicht
sichtbar ist, nämlich im Training, in
Milliarden kleiner Niederlagen, die die
Form geprägt haben. Und 2. Erinnern Sie
sich an den Temperaturregler aus der
letzten Folge. Man hat absichtlich Zufall
eingebaut, weil die Systeme sonst tot
klingen. Nur ist Zufall eben
Serresrauschen. ein Ozean durch ein Ventil
und ob man damit ein Loch kaufen kann, ein
leeres Feld im Sinne von Deleuze, das hat
bisher niemand gezeigt. Ein
Roulette-Kessel, den man an einen
Aktenschrank schraubt, ist immer noch ein
Aktenschrank. Und dann zum Schluss die
unbequeme Wendung, die ich Ihnen nicht
ersparen will. Die Frage dieser Reihe
lautet nicht, was ist an Maschinen falsch.
Sie lautet, Was ist ein System, das Sinn
erzeugt, ohne je auf Unsinn zu stoßen?
Richten Sie diese Frage einmal auf uns.
Auf den Behördenbescheid, dessen Absätze
aus Absätzen zusammengesetzt sind und in
dem kein einziger Satz je einem Fall
begegnet ist. Auf die Pressemitteilung.
Auf das Leitbild an der Wand. Auf die
Sitzung, deren Ergebnis ein Protokoll ist,
das zur nächsten Sitzung führt. Auf den
Wetterplausch, der genau deshalb in seinen
Rillen läuft, damit nichts Unerwartetes
geschieht. Sind das nicht, nach unserer
Bestimmung, Systeme, die Sinnformen
erzeugen, ohne je zu stolpern? Wir haben
keine Maschinen gebraucht, um so etwas zu
bauen. Wir bauen es seit Jahrhunderten in
Prosa. Die Maschinen haben nur eine
Möglichkeit ins Große gebracht, die in der
Sprache immer schon steckte. Vielleicht
ist das Unbehagen, dass die flüssigen
Maschinen auslösen, gar nicht Angst vor
dem, was sie sind. Vielleicht ist es
Wiedererkennen. Drei Bausteine haben wir
nun. Bedeutung wird nicht übertragen,
sondern beim Empfänger hergestellt.
Ordnung schneidet sich aus einem Rauschen
heraus, das ihr vorausgeht. Und Sinn
entsteht nur dort, wo etwas zirkuliert,
das selbst keinen Sinn hat. In der
nächsten Folge kommt eine kleine
Detektivgeschichte und sie hat mit
Fußnoten zu tun. Die übliche Erzählung
sagt, die französische und die deutsche
Theorie hätten getrennt voneinander
existiert, zwei Kontinente, die sich erst
spät über Übersetzungen berührten. Diese
Erzählung ist falsch und man kann es
nachschlagen. Luhmann zitiert Ceres Und er
zitiert Deleuzes »Logik des Sins« auf
Französisch. Und zwar genau dort, wo er
seinen eigenen Begriff des Sins errichtet.
Was das bedeutet und was es darüber sagt,
wie Gedanken in Wirklichkeit reisen, das
ist Folge 9. Bis dahin, wenn Sie ein
Schiebepuzzle finden, spielen Sie es
einmal durch. Und wenn es gelöst ist,
vollständig und richtig und fertig, dann
schauen Sie es an und fragen sich, was da
gerade gestorben ist. Das war Folge Nummer
von Das Bewusstsein der Maschinen, einer
Reihe im Podcast der Gesellschaft für
Arbeitsmethodik. Diese Folge wurde mit
Unterstützung künstlicher Intelligenz
erstellt, bei der Recherche, beim
Schreiben und beim Sprechen. Ausgewählt,
geprüft und verantwortet hat sie ein
Mensch. Bei einer Reihe über das
Bewusstsein der Maschinen gehört dieser
Hinweis ehrlich gesagt mit zum Thema. Die
Literatur zu dieser Folge mit
Seitenangaben findest du in den Shownotes.
Wenn dir etwas fehlt oder dir ein Fehler
auffällt, schreib uns. Einwände greifen
wir in späteren Folgen auf. Alle Folgen
und Quellen dieser Reihe gfa-ev.com Und
wenn du mehr hören willst, Auf gfaefa.de
findest du den Verband und unsere übrigen
Podcast-Reihen zu Kunst und
Kulturgeschichte, zu künstlicher
Intelligenz und Suche, historische
Vorträge aus fünf Jahrzehnten und eine
englischsprachige Reihe zur Kybernetik.
Bis zum nächsten Mal. Ich freue mich auf
euch.
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