Das Bewusstsein der Maschinen 8:

Der Parasit

03.09.2026 27 min

Zusammenfassung & Show Notes

Die Folge beginnt bei Claude Shannons berühmter Arbeit von 1948, bei Information als Unwahrscheinlichkeit und bei dem Schaubild, das dem zwanzigsten Jahrhundert beigebracht hat, Kommunikation als Linie zwischen zwei Punkten zu denken. Beim Nachzählen hat dieses Schaubild jedoch nicht fünf, sondern sechs Kästen: Unter dem Kanal sitzt die Rauschquelle, als zweite Quelle, ebenso solide gezeichnet wie die erste. Genau dort setzt Michel Serres an.
Vorgestellt wird der Sohn eines Binnenschiffers von der Garonne, Marineschüler, Mathematiker, Leibniz-Forscher, für den Hiroshima der eigentliche Gegenstand der Philosophie blieb, und der fünf Bücher unter dem Namen Hermes schrieb: Bote, Händler, Übersetzer und Dieb, also die eingebaute Warnung, dass Vermittlung nie unschuldig ist. Daraus folgt Kommunikation als Übersetzung statt Transport, mit der Umkehrung von Shannons Erfolgsbegriff: Die Abweichung ist nicht das Scheitern der Nachricht, sie ist die Nachricht.
Mehr in in den Shownotes.

 
GfA – Der Podcast 
Der deutschsprachige Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Themen wechseln, im Wesentlichen geht es zurzeit um das Bewusstsein der Maschinen: Was Kybernetik und Systemtheorie zu Fragen nach Bewusstsein, Kommunikation und künstlicher Intelligenz beitragen können. Die Folgen bauen aufeinander auf, du kannst aber auch einzeln einsteigen. 
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe von einer synthetischen Stimme. 

Das Bewusstsein der Maschinen 8
Der Parasit

Nach Luhmanns kühler Konstruktion wird es unordentlich. Die Folge beginnt bei Claude Shannons berühmter Arbeit von 1948, bei Information als Unwahrscheinlichkeit und bei dem Schaubild, das dem zwanzigsten Jahrhundert beigebracht hat, Kommunikation als Linie zwischen zwei Punkten zu denken. Beim Nachzählen hat dieses Schaubild jedoch nicht fünf, sondern sechs Kästen: Unter dem Kanal sitzt die Rauschquelle, als zweite Quelle, ebenso solide gezeichnet wie die erste. Genau dort setzt Michel Serres an.
Vorgestellt wird der Sohn eines Binnenschiffers von der Garonne, Marineschüler, Mathematiker, Leibniz-Forscher, für den Hiroshima der eigentliche Gegenstand der Philosophie blieb, und der fünf Bücher unter dem Namen Hermes schrieb: Bote, Händler, Übersetzer und Dieb, also die eingebaute Warnung, dass Vermittlung nie unschuldig ist. Daraus folgt Kommunikation als Übersetzung statt Transport, mit der Umkehrung von Shannons Erfolgsbegriff: Die Abweichung ist nicht das Scheitern der Nachricht, sie ist die Nachricht.
Im Zentrum steht der dritte Mann: Ein Dialog ist nicht, dass zwei miteinander reden, sondern dass zwei sich gegen einen gemeinsamen Feind verbünden, das Rauschen, dessen Ausschluss mit jedem Satz neu geleistet werden muss. Die Fabel von Stadtratte und Landratte führt die Parasitenkette ohne sauberen Anfang vor, samt der feinsten Wendung des Buches, dem inhaltsleeren Geräusch an der Tür, das ein ganzes System umbaut. Erläutert werden außerdem die Dreifachbedeutung des französischen Wortes (Bandwurm, Schmarotzer, Rauschen), die dem Deutschen fehlt, und die Umkehrbarkeit von Wirt und Gast im französischen *hôte*. Der Schritt vom Feind zum Motor verbindet die Fabel mit Luhmanns Begriff der Irritation als Eigenzustand des Systems und mit Heinz von Foersters „order from noise" aus den ersten Folgen der Reihe. Zum Schluss die Anwendung: das Trainingsmaterial als Tisch des Steuerpächters, Nutzerrückmeldungen als Gegenfütterung, die Halluzination als offene Frage und der Temperaturregler als Rauschquelle, die man absichtlich in den Sender eingebaut hat.

Themen der Folge
  • Shannon 1948: Information als Unwahrscheinlichkeit; Bedeutung als „ohne Belang" für die Technik
  • Der sechste Kasten: die Rauschquelle als zweite Quelle im Schaubild
  • Michel Serres: Garonne, Marine, Mathematik, Leibniz, Hiroshima
  • Hermes als Schutzherr: Bote, Händler, Übersetzer, Dieb
  • Kommunikation als Übersetzung; der Übersetzer als Verräter; die Abweichung als Nachricht
  • Der dritte Mann: das Gespräch als Bündnis gegen das Rauschen; das Dreieck statt der Linie
  • Die Fabel von Stadtratte und Landratte; die Kette ohne sauberen Anfang
  • Das inhaltsleere Geräusch mit der größten Wirkung
  • Die drei Bedeutungen von *le parasite*; *hôte* als Gastgeber und Gast
  • Vom Feind zum Motor: Unterbrechung als Auswahl; Mitochondrien als aufgenommene Parasiten
  • Brücke zu Luhmann: Irritation als Zustand des Systems, nicht als Lieferung
  • Brücke zur Kybernetik: von Foerster, Ordnung aus Rauschen
  • Maschinen: Trainingsmaterial, Rückmeldung, Halluzination, Temperaturregler
  • Ausblick auf Folge 09: Deleuze, Sinn und Unsinn
LITERATUR

  • Michel Serres: Der Parasit. Übersetzt von Michael Bischoff. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987. (Französisches Original: Le Parasite, Grasset, Paris 1980.)
  • Michel Serres: Hermes I. Kommunikation. Übersetzt von Michael Bischoff. Merve, Berlin 1991. (Französisches Original: Hermès I: La communication, Minuit, Paris 1969.)
  • Michel Serres: Hermes III. Übersetzung. Merve, Berlin 1992. (Original: Hermès III: La traduction*, Minuit, Paris 1974.)
  • Michel Serres / Bruno Latour: Aufklärungen. Fünf Gespräche. Merve, Berlin 2008. (Der zugänglichste Einstieg in Serres' Denken.)
  • Claude E. Shannon: „A Mathematical Theory of Communication. In: Bell System Technical Journal, Bd. 27, 1948. (Enthält das Schaubild mit der Rauschquelle.)
  • Jean de La Fontaine: Fabeln, Buch I, 9: Die Stadtratte und die Landratte; Buch I, 2: „Der Rabe und der Fuchs".
  • Heinz von Foerster: „On Self-Organizing Systems and Their Environments" (1960). In: Understanding Understanding. Springer, New York 2003. (Deutsch u. a. in: Wissen und Gewissen, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993.)
  • Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984. (Zum Begriff der Irritation.)
  • Lynn Margulis: Die andere Evolution. Spektrum, Heidelberg 1999. (Zur Endosymbiose: aus Parasiten werden Bestandteile.)

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Transkript

Willkommen zurück bei Das Bewusstsein der Maschinen. In der letzten Folge haben wir ein Gebäude besichtigt. Niklas Luhmann hat uns gezeigt, dass nichts übertragen wird, dass kein Gedanke je einen Kopf verlassen hat und dass Kommunikation trotzdem stattfindet, weil sie kein Faden zwischen zwei Köpfen ist, sondern ein eigenes System zwischen ihnen. Wir haben die drei Selektionen kennengelernt, Information, Mitteilung, Verstehen. Und die zuschlagende Tür, an der sich entscheidet, ob überhaupt kommuniziert wurde. Das war sauber und es war kalt, im besten Sinne. Heute wird es unordentlicher. Denn Lumanns Gebäude hat eine Stelle, an der es sehr still ist. Er beschreibt Systeme, die sich selbst fortsetzen. Ereignis für Ereignis, Anschluss für Anschluss. Und er beschreibt, dass diese Systeme eine Umwelt haben, die sie nie erreichen. Was aber ist diese Umwelt? Was drückt da von außen gegen die Ordnung? Luhmann hat dafür einen Begriff. Wir kommen darauf zurück. Aber er hat kein Bild dafür. Und wo Luhmann Begriffe hat, hat der Denker von heute Bilder, Geschichten, Fabeln. Und ein Wort, das im Französischen drei Dinge gleichzeitig bedeutet. Michel Serres. Sein Buch von 1980 heißt Der Parasit. Und seine These klingt zunächst wie ein Scherz und ist keiner. Das Rauschen ist nicht der Feind der Nachricht. Das Rauschen ist ihre Bedingung. Damit Sie sehen, wie unerhört das ist, müssen wir aber erst kurz dorthin, wo unser modernes Bild von Kommunikation überhaupt herkommt. Und das ist nicht die Philosophie. Das ist eine Telefongesellschaft. Das Diogramm von 1948 1948 veröffentlichte ein Mathematiker der Bell Telephone Laboratories eine Arbeit, die die Welt verändert hat, ohne dass die meisten Menschen je seinen Namen gehört haben. Claude Shannon, eine mathematische Theorie der Kommunikation. Shannons Leistung war groß und ich will keinen ironischen Unterton darin haben. Er hat Kommunikation messbar gemacht. Dafür musste er Informationen neu bestimmen, nämlich nicht als Inhalt und nicht als Bedeutung, sondern als Unwahrscheinlichkeit. Eine Nachricht trägt viel Information, wenn sie überrascht, und wenig, wenn sie vorhersagbar ist. Wenn ich sage, die Sonne ging heute Morgen im …, dann wissen sie das nächste Wort bereits und wenn es kommt, sagt es ihnen fast nichts. Aus dieser einen Idee hat Shannon eine ganze Rechnung entwickelt. Das Bit als Einheit. Die Kanalkapazität, die Kodierung. Er hat bewiesen, dass man auch über eine verrauschte Leitung fast fehlerfrei übertragen kann, wenn man klug genug kodiert. Jedes Telefonat, jede Datei, jedes Bild einer Raumsonde beruht darauf. Aber Shannon hat gleich zu Beginn etwas geschrieben, das man ihm hoch anrechnen muss, weil es ehrlich ist. Die Bedeutungsseite der Kommunikation, sagt er, sei für das ingenieurtechnische Problem ohne Belang. Nicht falsch. Ohne Belang. Ihn interessierte, ob am anderen Ende dasselbe Signal ankommt. Und ob dieses Signal ein Liebesbrief ist oder ein Börsenkurs oder blanker Unsinn, spielt für die Mathematik keine Rolle. Ein perfekt übertragener Unsinn ist, technisch gesehen, ein voller Erfolg. Merken Sie sich dieses Bild. Eine Leitung, die makellos Unsinn zustellt und das Erfolg nennt. Am Ende dieses Bogens wird es ein sehr gegenwärtiges Gesicht bekommen. Shannon wusste, was er tat und er hat die Grenzen seiner Theorie sauber gezogen. Das Problem begann bei allen anderen. Denn er hatte ein Schaubild gezeichnet. Und dieses Schaubild war so einleuchtend, dass es aus der Nachrichtentechnik ausbrach und binnen weniger Jahre die Psychologie, die Sprachwissenschaft und den Alltagsverstand besetzte. Sie kennen es, auch wenn Sie es nie gesehen haben. Links eine Informationsquelle und ein Sender, rechts ein Empfänger und ein Ziel. Dazwischen der Kanal. Fünf Kästen also. Zählen Sie noch einmal nach. Es sind sechs. Unter dem Kanal sitzt, mit einem Pfeil nach oben in die Leitung hinein, ein weiterer Kasten. Und Shannon beschriftet ihn nicht mit Rauschen, sondern mit Rauschquelle. Quelle. Genauso solide gezeichnet wie die Informationsquelle links. Es gibt in diesem Bild zwei Quellen, nicht eine. Zwei Erzeuger speisen den Kanal. Der eine mit dem, was gewollt ist, der andere mit dem, was nicht gewollt ist. Das Schaubild, das dem 20. Jahrhundert beigebracht hat, Kommunikation als Linie zwischen zwei Punkten zu denken, hat einen dritten Punkt mitten hineingezeichnet. Und Generationen von Lehrbuchautoren haben ihn brav mitkopiert, während sie eine Theorie von Zweien erklärten. Genau an diesem Kasten setzt Michel Serres an. Michel Serres, geboren 1930 in Agen, im Südwesten Frankreichs, an der Garonne. Sein Vater war Binnenschiffer. Er baggerte Sand und Kies aus dem Fluss. Serre hat darauf sein Leben lang bestanden, und zwar nicht aus Koketerie. Er sagte, er sei vom Fluss erzogen worden, bevor ihn irgendeine Schule erzogen habe. Wo andere Philosophen in Bibliotheken aufwuchsen, wuchs er in einer Landschaft aus Kanälen auf, aus Strömungen, Fracht, Wetter, aus Dingen, die fließen und Dingen, die den Fluss blockieren. Man merkt es jeder Seite an. Sein Weg in die Philosophie war krumm. Und die Krümmung gehört zur Sache. Zuerst die Marineschule. Er wollte zur See fahren. Und in gewisser Weise hat er nie damit aufgehört. Die Seekarten, die Passagen, die Navigation verschwinden nie aus seinen Texten. Dann Mathematik. Dann die École Normale Supérieure in Paris. Seine Doktorarbeit schrieb er über Leibniz, über dessen mathematische Modelle, seine Netze, seinen Traum von einer Sprache, in der sich alles in alles übersetzen lässt. Wer in Paris der 60er Jahre Leibniz wählt, während alle anderen Hegel, Husserl oder Marx wählen, hat bereits angekündigt, dass er allein gehen wird. Und ein Datum hat sein Denken in zwei Hälften geteilt. Er kam bis zu seinem Tod 2019 immer wieder darauf zurück. Der 6. August 1945. Hiroshima. Ceres war 15. Er sagte später, Hiroshima sei der einzige Gegenstand seiner Philosophie gewesen. Er gehörte zu der Generation, der an einem einzigen Morgen klar wurde, dass die Wissenschaft nicht unschuldig ist. Denken Sie daran, wenn Ceres gleich verspielt wirkt und Fabeln über Ratten erzählt. Darunter liegt ein sehr altmodischer Ernst. Zwischen 1969 und 1980 schrieb er fünf Bücher unter einem einzigen Namen. Hermes. Die Untertitel lauten Kommunikation, Interferenz, Übersetzung, Verteilung, Nordwestpassage. Warum ausgerechnet Hermes? Weil die griechische Götterwelt mehrere Schutzherren für das Wissen anbietet und Serres den ungewöhnlichsten wählt. Er wählt nicht Prometheus, das Wissen als Eroberung, nicht Athene, das Wissen als gepanzerte Weisheit, nicht Apoll, das Wissen als Licht und Form. Er wählt den Kleinen, den beweglichen Gott, Hermes, den Boten, den Gott der Händler, der Straßen und Wegkreuzungen, der Übersetzer und Reisenden. Hermes ist nie zu Hause, immer dazwischen, immer unterwegs. Er besitzt nichts, er trägt alles. Und, das darf man nie vergessen, er ist der Gott der Diebe. Am Tag seiner Geburt stahl er ab Holz Rinder und trieb sie rückwärts, damit die Spuren täuschten. Wer die Nachricht trägt, kann sie auch stehlen, verändern, weiterverkaufen, bei der falschen Adresse abliefern. Damit ist in Serres Philosophie von Anfang an eine Warnung eingebaut. Vermittlung ist nie unschuldig. Es gibt keinen neutralen Kanal. Der Bote nimmt immer seinen Anteil. Deshalb ist Kommunikation für Sers kein Transport, sondern Übersetzung. Nicht nur zwischen Sprachen, sondern als allgemeine Form jeder Beziehung. Zwischen zwei Menschen, zwei Wissenschaften, einer Gleichung und einem Experiment. Und jeder Übersetzer, sagt das italienische Wortspiel, das Sers liebte, ist ein Verräter. Der Verrat ist kein Berufsfehler, er ist die Tätigkeit selbst. Eine Übersetzung, die nichts veränderte, wäre keine Übersetzung, sondern derselbe Text zweimal. Also gar keine Mitteilung. Sehen Sie, wie vollständig das Shenans Erfolgsbegriff umdreht? Für den Ingenieur ist das Ideal die Identität. Es soll ankommen, was abgeschickt wurde. Jede Abweichung ist Fehler. Für Serres ist Identität das Einzige, was nie eintritt. Und wenn sie eintrete, wäre nichts geschehen. Die Abweichung ist nicht das Scheitern der Nachricht. Die Abweichung ist die Nachricht. Jedes Gespräch hat drei Teilnehmer. Jetzt der Gedanke, aus dem alles weitere folgt. Er steht in einem frühen Aufsatz über den platonischen Dialog. Und er lässt sich in einem Satz sagen. Ein Dialog ist nicht, dass zwei Menschen miteinander reden. Ein Dialog ist, dass zwei Menschen gegen einen gemeinsamen Feind kämpfen. Serres bittet uns, genau hinzusehen. Das klassische Bild des Gesprächs und auch Schennens Schaubild ist eine Linie. Hier der Sender, dort der Empfänger. Zwei Positionen. Aber sobald zwei Menschen zu sprechen beginnen, ist eine dritte Position da. Ungebeten. Das Rauschen auf der Leitung. Der Lärm im Raum. Das Verhören. Die Doppeldeutigkeit der Wörter selbst. Serres nennt diese Position den dritten Mann. Und nun die Umkehrung. Damit Verständigung gelingt, müssen die beiden Sprechenden sich gegen diesen dritten verbünden. Kommunizieren heißt ausschließen. Auch wenn wir streiten, sind Sie und ich auf derselben Seite, nämlich auf der Seite des Gesprächs, gegen alles, was es zum Verstummen bringen würde. Achten Sie darauf, was das mit der Geometrie macht. Kommunikation ist keine Linie zwischen zwei Punkten. Sie ist ein Dreieck. Und eine Ecke ist immer vom ausgeschlossenen Dritten besetzt. Ausgeschlossen, aber nie beseitigt. Denn der Ausschluss muss mit jedem Satz neu geleistet werden. Und daraus folgt die These, die uns durch diesen ganzen Bogen begleitet. Wenn Kommunikation nur als fortlaufender Ausschluss des Rauschens existiert, dann ist das Rauschen kein Unfall, der die Kommunikation trifft. Es ist der Hintergrund, aus dem sie sich herausschneidet. Zuerst die Störung, dann – örtlich, vorläufig und gefährdet – die Nachricht. Am Anfang war das Rauschen. Die Fabel von den zwei Ratten. 1980 gibt Ceres diesem Dritten seinen endgültigen Namen, in dem Buch, das uns heute trägt, Le Parasite. Und hier schenkt ihm das Französische etwas, worum das Deutsche es beneiden muss. Im Französischen bedeutet Le Parasite drei Dinge auf einmal. Erstens, den biologischen Parasiten, den Bandwurm, die Mistel, das Lebewesen, das auf Kosten eines anderen frisst. Zweitens, den sozialen Parasiten, den ungebetenen Gast, den Schmarotzer bei Tisch, der sein Essen mit nichts als Gerede bezahlt. Und drittens, und das ist im Deutschen einfach weg, das Rauschen. Atmosphärische Störungen im Radio heißen auf Französisch le Parasite. Was der Ingenieur bekämpft, heißt dort so wie der Gast, den man nicht loswird. Ein vorsichtiger Philosoph würde das für eine amüsante Doppeldeutigkeit halten und sich für eine Bedeutung entscheiden. Serres Wette ist, dass die Sprache hier etwas weiß, was die Fachgebiete vergessen haben. Das sind nicht drei Bedeutungen, das ist eine Beziehung in drei Bereichen. Jedes Mal läuft ein System, ein Körper, ein Haushalt, ein Kanal. Und ein dritter schiebt sich in den Fluss, greift ab, was durchgeht, und gibt nichts Gleichwertiges zurück. Beim Bandwurm ist es Nahrung, beim Schmarotzer das Abendessen, beim Rauschen das Signal. Und Serres argumentiert nicht wie ein Logiker, sondern wie ein Fabeldichter. Sein Buch beginnt mit einer Geschichte, die Sie vielleicht aus der Schule kennen, der Stadtratte und der Landratte. Die Stadtratte lädt ihre Base vom Land zum Essen ein. Das Essen findet im Haus eines Steuerpächters statt, also eines Mannes, der im alten Frankreich die Steuern für die Krone eintrieb und an der Differenz reich wurde. Auf dem Boden unter dem Tisch schmausen die beiden Ratten von den Resten seines Abendessens. Und mitten im Festmahl ein Geräusch, ein Laut an der Tür. Die Ratten stieben auseinander. Das Essen ist vorbei. Die Landratte verzichtet zitternd auf jeden zweiten Gang und geht heim zu ihrem Korn. In der Schune wird daraus eine Moral über den Preis des Luxus. Serge stellt eine Frage, die kein Lehrer stellt. Wer ist in dieser Szene eigentlich der Parasit? Die Ratten natürlich. Sie essen an einem Tisch, den sie nicht gedeckt haben. Aber Moment. Wessen Tisch ist es? der des Steuerpächters. Und was ist ein Steuerpächter? Jemand, der isst ohne zu produzieren, der vom Fleiß von Bauern lebt, die er nie sieht, der den Reichtum auf dem Weg zum König abfängt und großzügig etwas einbehält. Die Ratten sind also Parasiten eines Parasiten. Die Reste, die sie stehlen, waren bereits gestohlen. Und das Geräusch an der Tür, das die Mahlzeit beendet, ist, im Französischen buchstäblich, der dritte Parasit. Die Kette hat keinen sauberen Anfang. Heben Sie irgendeine Beziehung des Nehmens an und darunter liegt eine weitere. Wirte bis nach unten, Gäste bis nach unten und ganz unten kein Boden. Und dann die feinste Wendung des Buches. Was war das Geräusch an der Tür? In manchen Fassungen gar nichts. Ein Windstoß, ein Diener, ein falscher Alarm. Es spielt keine Rolle. Das Geräusch muss nicht sein, um alles zu bewirken. Ein reiner Laut, ohne Inhalt, und er baut das ganze System um. Das Fest endet, die Positionen ändern sich, die Landratte bewertet ihr Leben neu und geht nach Hause. Kleinste denkbare Ursache. Ein Signal ohne jeden Gehalt. Und größte denkbare Wirkung. Eine Entscheidung darüber, wie man leben will. Wenn Sie ein einziges Bild dafür wollen, warum Ceres das Rauschen nicht für den Gegenspieler der Nachricht hält, sondern für ihren Rohstoff, hier ist es. Die Unterbrechung hat mehr mitgeteilt als das ganze Bankett. Noch ein Wort zum Vokabular, weil es um die nächste Wendung vorbereitet. Im Französischen heißt hôte zugleich Gastgeber und Gast. Dasselbe Wort für beide Seiten des Tisches. Wir würden das für eine Ungenauigkeit der Sprache halten, Serge hört darin einen Leersatz. Denn die Positionen sind umkehrbar und die Farbe führt es vor. Die Stadtratte ist Gastgeberin und zugleich Gast im Haus des Steuerpächters. Der Steuerpächter ist Gastgeber der Ratten und Gast bei der Ernte des Landes. Der Parasit ist keine Art von Lebewesen. Er ist eine Stelle im Netz und das Netz teilt die Karten immer wieder neu. Vom Feind zum Motor. Damit kommen wir zu dem Schritt, der aus einer hübschen Fabel eine Systemtheorie macht. Bleiben wir beim Geräusch an der Tür. Hat es ein System zerstört? Ja, das Bankett. Aber sehen Sie, was es hervorgebracht hat. Eine Entscheidung, einen Aufbruch, eine neue Ordnung, nämlich das Leben der Landratte bei ihrem Korn. Die Unterbrechung hat die alte Ordnung nicht nur beendet, sie hat die nächste ausgewählt. Und das, sagt Zerres, ist der Normalfall. Ein System, das störungsfrei läuft, läuft eben nur. Es wiederholt sich. Still und geschlossen. Und in ihm geschieht nichts. Es ist der Parasit, der abgefangene Fluss, der unerwartete Gast, das Knistern in der Leitung, der ein System zwingt zu antworten. Auszuscheiden, aufzunehmen, umzuleiten, komplizierter zu werden. Manchmal ist die Antwort Abwehr. Dann härtet das System sich ab. Manchmal ist sie Einverleibung. Die Biologie erzählt uns, dass die Mitochondrien in jeder ihrer Zellen einmal frei lebende Bakterien waren. Also uralte Parasiten, die so erfolgreich aufgenommen wurden, dass sie ohne sie nicht denkbar sind. So oder so, das Rauschen ist das Ereignis. Der Parasit ist die Differenz, die von außen kommt und das System zum nächsten Schritt zwingt. Und jetzt kommt die Stelle, an der Ceres und Luman sich berühren, obwohl sie nie gemeinsam genannt werden. Sie erinnern sich, ich sagte zu Beginn, Luman habe für das Drücken der Umwelt einen Begriff. Er heißt Irritation. Und Luhmann konstruiert ihn sehr sorgfältig. Irritation ist ein Zustand des Systems, keine Lieferung aus der Umwelt. Die Umwelt gibt keine Inhalte hinein und erteilt keine Anweisungen, sie stört nur. Und diese Störung meldet sich innen als das eigene Zittern des Systems, das es dann mit seinen eigenen Mitteln in seine eigenen Bedeutungen verwandeln muss. Das ist in nüchternem Deutsch genau die Fabel. Der Ozean überschwemmt die Insel nicht. Er kommt nur als Ausschlag ihres eigenen Seismografen an. Ceres erzählt es als Geschichte mit Ratten, Luman schreibt es als Begriff. Und beide sagen dasselbe. Was von außen ankommt, ist niemals fertige Bedeutung. Was ankommt, ist Störung. Und Bedeutung ist das, was das System daraufhin selbst herstellt. Übrigens, damit sich zwei Fäden dieser Reihe verknoten, Sie haben in den ersten sechs Folgen die Kybernetik kennengelernt. Und dort gibt es denselben Gedanken im Laborkittel. Heinz von Förster hat ihn 1960 formuliert. Order from Noise. Ordnung aus Rauschen. Selbstorganisierende Systeme dulden zufällige Störung nicht bloß. Sie leben von ihr. Schütteln Sie die Kiste und die Bausteine ordnen sich zu Strukturen, die im Schütteln nirgends enthalten waren. Drei Sprachen, ein Befund. Der Tisch der Maschinen. Und damit sind wir bei uns. Wenn irgendein System auf der Welt heute die Analyse des Parasiten verdient, dann die Art von System, über die diese Reihe spricht. Stellen wir also die Frage der Fabel. Wer sitzt hier an wessen Tisch? Ein großes Sprachmodell wird gebaut, in dem es gefüttert wird. Und ein freundlicheres Wort dafür gibt es nicht. Gefüttert mit Text. Bücher, Artikel, Foren, Briefe, Streitgespräche. Jahrhunderte von Schreiben. Zusammengetragen aus dem Netz, in einer Menge, die kein Mensch in einem Leben lesen könnte. Das ist der Tisch des Steuerpächters und wie in der Fabel ist er schon ein Tisch der Abgriffe. Jede Seite wurde für einen anderen Zweck, einen anderen Leser geschrieben. Und der Sammler kommt nach Feierabend und ist von dem, was übrig blieb. Aber die Fabel hat uns gelehrt, nie bei einem Glied stehen zu bleiben. Unter dem Netz liegen die Schreibenden, deren Entscheidungen, Korrekturen, Witze die eigentliche Ernte sind. Über dem Modell sitzen die Nutzerinnen und Nutzer, die Flüssigkeit abgreifen, ohne Tribut zu zahlen. Und darüber die Plattformen, die wie ein guter Steuerpächter an jedem Tisch im Haus ihren Anteil nehmen. Und dann die Umkehrung, für die wir das Wort Hot gelernt haben. Sind die Nutzer nur Gäste? Jede Frage, jede Korrektur, jedes Nachfassen, wenn die Antwort daneben lag, ist Nahrung, die zurückfließt. Die Branche nennt es Rückmeldung und trainiert damit weiter. Sie essen an meinem Tisch und ich esse an ihrem. Niemand in dieser Schleife ist nur Wirt oder nur Gast. Und noch eine Anwendung, näher am Knochen. Was die Ingenieure Halluzination nennen, also den selbstsicheren Satz, hinter dem nichts steht, geht als Störfall, den man wegfiltern muss. Shennens Krieg gegen das Rauschen. Mit neuen Waffen. Nach dieser Folge sollten wir dieses Bild misstrauisch betrachten. Nicht um Fehler schönzureden, das wäre billig. Und die nächsten Folgen werden das Problem eher schärfen als beruhigen. Aber Serre würde die unhöfliche Frage stellen, ist das Rauschen in der Maschine wirklich nur Feind? Wenn ein solches System das Unerwartete produziert, das falsche Wort, das sich als das Interessante herausstellt, den Fehler, an dem ein Mensch hängen bleibt, widerspricht, nachdenkt, antwortet, ist die Kommunikation dann gescheitert oder hat sie, in Serres Sinn, gerade erst begonnen? Ich weiß nicht, wo die Linie verläuft. Aber eines fällt auf und es folgt direkt aus Shannons eigener Rechnung. Je vorhersagbarer eine Antwort ist, desto weniger teilt sie mit. Was nicht überraschen kann, kann nicht informieren. Und wer es technisch mag, in diesem System gibt es tatsächlich einen Regler, mit dem beim Erzeugen von Text ein kontrolliertes Maß an Zufall eingespeist wird. Die Ingenieure nennen ihn, aus der Wärmelehre entlehnt, Temperatur. Dreht man ihn auf Null, wird immer das wahrscheinlichste Wort gewählt. Und das Ergebnis klingt tot. Flach. Wiederholend. Im Kreis. Deshalb dreht man ihn hoch. Hören Sie das mit sehres Ohren. Die Erbauer der fortgeschrittensten Kommunikationsmaschinen der Geschichte haben durch Ausprobieren herausgefunden, dass reines Signal steril ist und haben daraufhin eine Rauschquelle eingebaut. In den Sender. Mit Absicht. Shannons sechster Kasten, der ungebetene unter dem Kanal, wurde hereingeholt und mit einem Thermostat versehen. Der Parasit steht nicht mehr vor der Tür. Er steht auf der Gehaltsliste. Fassen wir zusammen. Kommunikation ist keine Linie, sondern ein Dreieck und die dritte Ecke ist immer besetzt. Der Ausschluss des Dritten ist keine einmalige Reinigung, sondern Arbeit, die mit jedem Satz neu geleistet wird. Die Kette der Nehmenden hat keinen sauberen Anfang und wer Wirt und wer Gast ist, entscheidet sich daran, wo man die Kette zerschneidet. Und schließlich, was ein System in Bewegung bringt, ist nicht das reibungslose Signal, sondern die Störung, die es zwingt, etwas Neues zu tun. Damit haben wir jetzt zwei Bausteine. Von Luhmann. Bedeutung wird nicht übertragen, sie wird beim Empfänger hergestellt. Von Serres. Ordnung entsteht gegen ein Rauschen, das ihr vorausgeht und das sie nicht los wird. In der nächsten Folge kommt ein Denker, der beides in Frage stellt, indem er tiefer bohrt. Denn Ceres hat uns ein Rauschen gezeigt, das von außen kommt, aus der Welt, gegen die Ordnung. Gilles Deleuze wird sagen, das genügt nicht. Der Unsinn steht gar nicht vor der Tür. Er sitzt längst mit am Tisch. Er ist Teil der Sprache selbst. Und ohne ihn entsteht überhaupt kein Sinn. Sinn braucht Unsinn. Was das heißt und warum es für Maschinen, die niemals stocken, unangenehm wird, das ist Folge 9. Bis dahin hören Sie einmal bewusst in das Rauschen zwischen zwei Radiosendern. Jemand steht an der Tür.

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