Das Bewusstsein der Maschinen - Folge 7

Nur die Kommunikation kommuniziert

13.08.2026 27 min

Zusammenfassung & Show Notes

Nach längerer Pause nimmt die Reihe einen neuen Anlauf, und zwar mit einer Verschiebung: Sechs Folgen lang ging es um Bewusstsein, und dabei wurde durchgehend etwas benutzt, das nie untersucht wurde, nämlich Kommunikation. Die neue sechs Folgen gehen darauf ein  und schlagen einen Bogen.
Themen der Folge
- Wiedereinstieg nach der Pause: warum die Bewusstseinsfrage leicht neben dem Ziel lag
- Luhmanns Biografie als Grundlage der Theorie: Verwaltung, Harvard, Bielefeld
- Der Zettelkasten und das Kriterium des Partners: Überraschung
- Operative Geschlossenheit des Bewusstseins; die Leitungsmetapher im Deutschen
- Doppelte Kontingenz als Zündung statt Lähmung
- Kommunikation als drittes System; Bewusstsein als dessen Umwelt
- Die drei Selektionen: Information, Mitteilung, Verstehen
- Die zuschlagende Tür: Wind oder Mitteilung
- Vollendung am Empfängerende; Missverstehen als Kommunikation; Anschlussfähigkeit
- Die drei Unwahrscheinlichkeiten und ihre Medien
- Der Mensch als Umwelt: der kalte Satz und sein humaner Kern
- Maschinen im Buchstaben der Theorie; der doppelte Schnitt
- Ausblick auf Folge 08: Michel Serres und der Parasit

 
GfA – Der Podcast 
Der deutschsprachige Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Themen wechseln, im Wesentlichen geht es zurzeit um das Bewusstsein der Maschinen: Was Kybernetik und Systemtheorie zu Fragen nach Bewusstsein, Kommunikation und künstlicher Intelligenz beitragen können. Die Folgen bauen aufeinander auf, du kannst aber auch einzeln einsteigen. 
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe von einer synthetischen Stimme. 

Das Bewusstsein der Maschinen, Folge 07: Nur die Kommunikation kommuniziert 

Nach längerer Pause nimmt die Reihe einen neuen Anlauf, und zwar mit einer Verschiebung: Sechs Folgen lang ging es um Bewusstsein, und dabei wurde durchgehend etwas benutzt, das nie untersucht wurde, nämlich Kommunikation. Der neue Sechserbogen holt das nach.

Diese Folge stellt Niklas Luhmann (1927–1998) vor, den Verwaltungsjuristen, der in Bielefeld das Forschungsprojekt „Theorie der Gesellschaft, Laufzeit dreißig Jahre, Kosten keine" anmeldete und es einhielt, samt seinem Zettelkasten aus neunzigtausend Zetteln, den er selbst als Kommunikationspartner beschrieb, weil er ihn überraschen konnte. Von dort führt der Weg zum Skandalon der geschlossenen Bewusstseine: Kein Gedanke hat je einen Kopf verlassen, die Leitungsmetapher unserer Alltagssprache („in Worte fassen", „rüberbringen", „ist angekommen") ist strukturell falsch, und trotzdem funktioniert Gesellschaft. Luhmanns Lösung: kein Faden zwischen den Köpfen, sondern ein drittes System, das aus doppelter Kontingenz zündet und aus Kommunikationsereignissen besteht. Die Folge entfaltet die drei Selektionen (Information, Mitteilung, Verstehen), zeigt am Beispiel der zuschlagenden Tür, dass Verstehen das Ziehen einer Unterscheidung ist und Kommunikation am Empfängerende vollendet wird, und begründet, warum Missverstehen Kommunikation ist und Anschlussfähigkeit das eigentliche Kriterium. Es folgen die drei Unwahrscheinlichkeiten der Kommunikation samt ihren Medien (Sprache; Schrift, Druck, Rundfunk; Geld, Macht, Wahrheit, Liebe) und die Umkehrung der Fragerichtung: nicht warum Verständigung scheitert, sondern warum sie je gelingt. Der Mensch als Umwelt der Gesellschaft wird gegen den Vorwurf der Kälte gelesen: Was nicht Bestandteil ist, kann nicht funktionalisiert werden. Zum Schluss die Anwendung auf die Maschinen: Nach dem Buchstaben dieser Theorie findet Kommunikation statt, sobald angeschlossen wird, denn das Innere war auch zwischen Menschen nie das Kriterium; zugleich der offene Rest, mit dem die Reihe weiterarbeitet: Eine Theorie, die niemanden ins Innere schauen lässt, kann auch nicht sagen, was da hereingelassen wurde.

Themen der Folge
  • Wiedereinstieg nach der Pause: warum die Bewusstseinsfrage leicht neben dem Ziel lag
  • Luhmanns Biografie als Grundlage der Theorie: Verwaltung, Harvard, Bielefeld
  • Der Zettelkasten und das Kriterium des Partners: Überraschung
  • Operative Geschlossenheit des Bewusstseins; die Leitungsmetapher im Deutschen
  • Doppelte Kontingenz als Zündung statt Lähmung
  • Kommunikation als drittes System; Bewusstsein als dessen Umwelt
  • Die drei Selektionen: Information, Mitteilung, Verstehen
  • Die zuschlagende Tür: Wind oder Mitteilung
  • Vollendung am Empfängerende; Missverstehen als Kommunikation; Anschlussfähigkeit
  • Die drei Unwahrscheinlichkeiten und ihre Medien
  • Der Mensch als Umwelt: der kalte Satz und sein humaner Kern
  • Maschinen im Buchstaben der Theorie; der doppelte Schnitt
  • Ausblick auf Folge 08: Michel Serres und der Parasit

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LITERATUR

  •  Niklas Luhmann: *Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie*. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984. (Besonders das Kapitel zu Kommunikation und Handlung.)
  • Niklas Luhmann: *Die Gesellschaft der Gesellschaft*. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.
  • Niklas Luhmann: „Was ist Kommunikation?". In: *Soziologische Aufklärung 6*. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995.
  • Niklas Luhmann: „Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation". In: *Soziologische Aufklärung 3*. Westdeutscher Verlag, Opladen 1981.
  • Niklas Luhmann: „Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt?". In: Hans Ulrich Gumbrecht / K. Ludwig Pfeiffer (Hrsg.): *Materialität der Kommunikation*. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988.
  • Niklas Luhmann: „Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht". In: *Universität als Milieu*. Haux, Bielefeld 1992.
  • Michael J. Reddy: „The Conduit Metaphor". In: Andrew Ortony (Hrsg.): *Metaphor and Thought*. Cambridge University Press, Cambridge 1979.
  • Talcott Parsons / Edward Shils (Hrsg.): *Toward a General Theory of Action*. Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 1951. (Zur doppelten Kontingenz in ihrem ursprünglichen Zusammenhang.)
  • Detlef Horster: *Niklas Luhmann*. Beck, München 1997. (Gut lesbare Einführung.)


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Transkript

Willkommen zurück bei Das Bewusstsein der Maschinen Es ist eine Weile her. Die letzte Folge liegt Monate zurück. Und in solchen Monaten verschiebt sich einiges. Im Feld wie im Kopf. Ich will deshalb nicht so tun, als hätten wir gestern aufgehört. Ich will stattdessen erzählen, warum die Pause etwas mit dem Thema zu tun hat und was sich in ihr geklärt hat. Sechs Folgen lang haben wir über Bewusstsein gesprochen. Über Formen des Bewusstseins, über Systeme, die sich selbst beobachten, über die Frage, ob eine Maschine so etwas wie Erleben haben kann und über den Verdacht, dass wir bei dieser Frage vielleicht nicht genau genug hinsehen. Und in der Pause, beim Sortieren des Materials, ist mir etwas aufgefallen, das ich vorher übersehen hatte. Nicht ein neues Argument. Eine Verschiebung des Ziels. Wir haben die ganze Zeit gefragt, ist da drin jemand? Ist hinter den Sätzen, die eine Maschine produziert, ein Licht an? Und diese Frage ist ehrenwert, sie ist alt. Sie ist im Kern die Frage nach dem Anderen überhaupt. Aber sie hat eine unangenehme Eigenschaft. Sie ist von außen nicht zu beantworten. Nicht schwer zu beantworten, sondern strukturell nicht. Niemand kann in ein anderes System hineinsehen. nicht in eine Maschine, nicht in ein Tier und, wenn wir ehrlich sind, auch nicht in den Menschen, der einem gegenüber sitzt. Und dann ist mir aufgegangen, dass wir bei all dem etwas benutzt haben, ohne es je zu untersuchen. Etwas, das in jeder einzelnen Folge vorkam, in jedem Beispiel, in jedem Gedankenexperiment. Wir haben ununterbrochen von Kommunikation gesprochen. Von Systemen, die miteinander sprechen. Von Informationen, die weitergegeben werden. Von Verstehen und Missverstehen. Und wir haben nicht ein einziges Mal gefragt, was das eigentlich ist. Das holen wir jetzt nach. Die nächsten sechs Folgen handeln von Kommunikation. Und ich sage es gleich zu Beginn. Am Ende dieses Bogens wird die Frage nach dem Bewusstsein der Maschinen nicht beantwortet sein. Sie wird ersetzt sein durch eine bessere. Heute beginnen wir mit einem Satz, der Sie ärgern soll. Er stammt von einem deutschen Soziologen. Er ist gut 40 Jahre alt und er lautet, der Mensch kann nicht kommunizieren. Auch sein Gehirn kann nicht kommunizieren. Auch sein Bewusstsein kann nicht kommunizieren. Nur die Kommunikation kann kommunizieren. Bleiben Sie kurz bei dem Ärger. Er ist berechtigt. Kommunizieren ist doch das Menschlichste überhaupt. Das, was wir am Küchentisch tun und am Sterbebett. Wir leben in einer Kommunikationsgesellschaft. Wir tragen Kommunikationsgeräte mit uns herum. Wir beklagen Kommunikationsprobleme. Und hier kommt jemand und sagt uns, freundlich und ohne jede Bosheit, dass wir es noch nie getan haben. Bis zum Ende dieser Folge soll dieser Satz nicht mehr wie eine Provokation klingen, sondern wie eine Lösung. Und zwar wie die sauberste Lösung, die jemand für das Problem gefunden hat, um das wir bislang herumgegangen sind. Der Mann aus Bielefeld Niklas Luhmann, 1927 bis 1998. Geboren in Lüneburg, Sohn eines Brauerei-Besitzers. Mit 15 als Luftwaffenhelfer eingezogen, kurz in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Danach Jura und dann, und das ist für alles weitere wichtiger als jede Universität, Verwaltung. Luhmann war jahrelang Beamter, unter anderem im niedersächsischen Kultusministerium. Ich glaube, man versteht seine Theorie besser, wenn man sich diesen Umstand vorstellt. Während andere Denker seiner Generation Heidegger lasen und über das Sein grübelten, saß Luhmann in einem Amt und bearbeitete Akten. Und er sah dabei etwas, das man in keinem Seminar sieht, wie eine Verwaltung tatsächlich läuft. wie eine Entscheidung an die vorherige anschließt, wie die Akte mit der Akte kommuniziert, wie der Apparat weiterarbeitet, ganz gleich, was der einzelne Sachbearbeiter denkt oder fühlt oder frühstückt. Wenn man lernen will, dass Kommunikation ohne Seelen funktioniert, ist das Amt der bessere Lehrmeister als die Philosophie. 1960 ein Jahr in Harvard, bei Talcott Parsons, dem großen amerikanischen Systembauer. Newman nahm mit, was er brauchte, und liest den Rest. 1968 wurde er erster Soziologie-Professor an der neu gegründeten Universität Bielefeld. Dort musste er, wie alle Neuberufenden, ein Formular ausfüllen. Forschungsprojekt, Laufzeit, Kosten. Er trug ein, Theorie der Gesellschaft, Laufzeit 30 Jahre, Kosten keine. Das war kein Scherz, oder jedenfalls nicht nur. Es hat fast genau 30 Jahre gedauert. Der Grundstein, soziale Systeme, erschien 1984, der fertige Bau, die Gesellschaft der Gesellschaft 1997, ein Jahr vor seinem Tod. Dazwischen rund 70 Bücher. Eine Theorie des Rechts, der Kunst, der Religion, der Wirtschaft, der Liebe. Jedes ein Flügel desselben Gebäudes. Und dann die Frage, die sich bei Luhmann stellt, wie schreibt ein Mensch 70 Bücher? Die Antwort stand in seinem Arbeitszimmer und sie ist, ich schwöre, ich habe mir das für diesen Podcast nicht ausgedacht, selbst ein Kommunikationssystem. Der Zettelkasten. Am Ende etwa 90.000 handbeschriebene Zettel, nicht nach Themen sortiert, wie in einer Bibliothek, sondern nach Verbindungen. Jeder Zettel so nummeriert, dass sich hinter jeden ein weiterer schieben ließ, Gedanke an Gedanke, mit Verweisen auf Verweise auf Verweise. Luhmann hat darüber einen kleinen Aufsatz geschrieben und der Titel gehört in unsere Reihe Kommunikation mit Zettelkästen. Darin sagt er in vollem Ernst, der Kasten sei sein Partner gewesen. Nach Jahrzehnten des Fütterns sei das Netz der Zettel so dicht geworden, so unübersichtlich in seinen Querverbindungen, dass es das eine konnte, was einen Partner zum Partner macht und ein Werkzeug zum Werkzeug degradiert. Es konnte ihn überraschen. Er fragte den Kasten etwas und bekam Kombinationen zurück, die er nie hineingelegt hatte. Eine Papiermaschine. Zellulose und Tinte. Kein Prozessor, keine Seele. Und trotzdem, sagt Luhmann, fand Kommunikation statt. Merken Sie sich das Wort Überraschung. Merken Sie es sich zweimal. Die ganze Theorie, die wir jetzt aufbauen, steckt in dieser Bemerkung. Und die Frage, ob sie mit einer Maschine kommunizieren können, vermutlich auch. Das Skandalon. Jetzt zur Theorie. Und der Weg hinein führt, wie so oft, über ein Problem, das alle für gelöst halten. Die Frage lautet, wie ist Kommunikation überhaupt möglich? Nicht rhetorisch gemeint, sondern technisch. Denn hier stoßen wir auf etwas, das unsere ersten sechs Folgen vorbereitet haben. Bewusstsein ist ein operativ geschlossenes System. Ihre Gedanken werden von ihren Gedanken erzeugt. In einem versiegelten Kreislauf. Kein Gedanke hat je einen Kopf verlassen. Nicht einer. In der ganzen Geschichte der Menschheit. Sie können nicht in meinem Kopf denken, ich nicht in Ihrem. Die Alltagsvorstellung hat dafür ein Bild. Und dieses Bild sitzt so tief in unserer Sprache, dass wir es nicht mehr bemerken. Hören Sie einmal hin, wie wir über das Sprechen sprechen. Wir fassen Gedanken in Worte, als wären Worte Behälter. Wir versuchen, etwas rüberzubringen. Wir fragen, ob das angekommen ist. Wir sagen, ein Satz habe einen tiefen Gehalt oder sei hohl. Als könne man hineingreifen. Der Groschen fällt. Die Botschaft kommt an. Der Sprachwissenschaftler Michael Reddy hat für dieses Bild einen Namen geprägt. Die Leitungsmetapher. The Conduit Metaphor. Kommunikation als Frachtverkehr. Der Sender packt Bedeutung in Worte, schickt sie durch einen Kanal. Der Empfänger packt sie wieder aus. Erfolg heißt Identität. Es soll drüben ankommen, was Hüben abgeschickt wurde. Störung heißt Rauschen. Und dieses Bild ist falsch. Nicht ein wenig ungenau, sondern strukturell falsch. Denn wenn nichts einen Kopf verlässt, dann kann auch nichts von Kopf zu Kopf reisen. Was in ihnen entsteht, während sie mir zuhören, ist keine Kopie von irgendetwas. Es ist gebaut aus ihren Erinnerungen, ihrer Sprache, ihren Erwartungen. Aus den Silben, die sie eben überhört und stillschweigend ergänzt haben. Verstehen ist keine Entnahme. Verstehen ist Konstruktion, angeregt durch das, was ankommt, aber ausgeführt vollständig auf ihrer Seite, mit ihrem Material. Und damit haben wir ein echtes Skandalon. Zwei versiegelte Systeme, nichts geht hinüber und trotzdem sitzen wir hier. Koordiniert, verständigt, streitend, gesellschaftenbound. Wenn zwischen geschlossenen Bewusstseinen nichts übergeht, wie kommt dann das hier zustande? Moomans Antwort ist radikaler als alles, was vor ihm versucht wurde. Er sagt, hört auf, einen Faden zwischen die beiden versiegelten Zimmer spannen zu wollen. Es gibt keinen Faden. Stattdessen schaut er auf das, was tatsächlich passiert, wenn zwei geschlossene Systeme einander ausgesetzt sind. Ich kann ihre Gedanken nicht sehen, sie meine nicht. Was ich tue, hängt davon ab, was ich von ihnen erwarte, und das hängt davon ab, was sie von mir erwarten, und das wiederum davon, was sie erwarten, dass ich erwarte. Luhmann nennt das doppelte Kontingenz. Auf dem Papier ist die Lage hoffnungslos, ein unendlicher Regress wechselseitiger Undurchsichtigkeit. Aber in der Wirklichkeit lähmt dieser Regress nicht. Er zündet. Irgendjemand riskiert eine Geste. Der andere reagiert auf die Reaktion. Erwartungen über Erwartungen bilden sich. Und es entsteht etwas, das keinem der beiden gehört. Eine Folge von Ereignissen mit eigener Geschichte, eigenem Zug, eigenen Ansprüchen. Wir sagen dazu beiläufig ein Gespräch. Luhmann sagt mit vollem Ernst ein System. Ein drittes System. Nicht ihr Bewusstsein, nicht meines. Es besteht weder aus Neuronen noch aus Gedanken, sondern aus Kommunikationsereignissen, von denen jedes an das vorige anschließt und das nächste ermöglicht. Und das sich selbst aus seinen eigenen Produkten fortsetzt, solange es läuft. Kommunikation ist keine Brücke zwischen zwei Systemen. Kommunikation ist selbst ein System, das die beiden Bewusstseine als Umwelt benutzt. So wie eine Flamme die Luft benutzt. Und das keinem von beiden gehört. Nur die Kommunikation kommuniziert. Der Satz ist kein Paradox mehr. Er ist eine Definition. Bewusstsein denkt. Gehirne feuern. Kommunikation kommuniziert. Drei Systemtypen, drei Geschlossenheiten, nirgends ein Übergang und das Skandalon ist gelöst. Nicht in dem erklärt wird, wie Gedanken von Kopf zu Kopf kommen, sondern in dem auffällt, dass sie das nie mussten. Die drei Selektionen Was aber ist dann ein Kommunikationsereignis, wenn nicht ein zugestellter Gedanke? Hier baut Luhmann seinen Ersatz für das Sender-Empfänger-Schema. Und das ist eine kleine Maschine aus drei Teilen. Wenn Sie heute nur eine Sache mitnehmen, dann diese. Sie werden Gespräche danach anders sehen. Jede Kommunikation, sagt Luhmann, ist die Einheit von drei Selektionen. Information – das Was. Etwas wird ausgewählt aus dem Horizont dessen, was auch hätte gesagt werden können. Information ist immer eine Auswahl vor einem Hintergrund von Alternativen. Mitteilung – das Das und das Wie. dass überhaupt etwas gesagt wurde, in diesem Ton, in diesem Moment, auf diesem Weg, statt zu schweigen oder es anders zu sagen. Auch das ist eine Auswahl, und zwar eine andere als die erste. Und drittens, die merkwürdigste und tragendste, verstehen. Und Luhmann meint damit etwas Präzises und Unerwartetes. Verstehen ist nicht das geistige Erfassen der Absicht des Anderen. Das kann es nicht sein. Die Köpfe sind versiegelt. Verstehen ist das Ziehen einer Unterscheidung. Der Moment, in dem die empfangende Seite das Geschehene als Mitteilung einer Information behandelt. Also den Unterschied zwischen dem Was und dem Das überhaupt macht. Ein Beispiel, an dem man es sofort sieht. Eine Tür schlägt zu. Fall 1. Es war der Wind. Sie registrieren vielleicht etwas, denken an Durchzug, stehen auf und schließen das Fenster. Aber sie schreiben niemandem eine Mitteilung zu. Es ist Wetter, keine Kommunikation. Fall 2. Jemand hat sie zugeschlagen. Und jetzt passiert etwas in ihnen, das sie gar nicht verhindern können. Sie teilen das Ereignis. Da wurde etwas getan und es sagt etwas. Das Was und das Das fallen auseinander. Und genau in diesem Auseinanderfallen, nirgendwo sonst, ist Kommunikation zustande gekommen. Halten Sie einen Moment fest, was daraus folgt, denn es ist erdrutschartig. Die Kommunikation wird am Empfängerende vollendet. Nicht, wenn etwas abgeschickt wird. Erst, wenn die Unterscheidung gezogen wird. Der Sender macht keine Kommunikation. Der Sender macht Geräusche und Verhalten. Ob Kommunikation stattgefunden hat, entscheidet sich stromabwärts. Und die zweite Folgerung ist noch überraschender. Sie betrifft das Missverstehen. Wenn ich sie missverstehe, habe ich ihre Äußerung immer noch als Mitteilung einer Information verstanden. Ich habe die Unterscheidung gezogen und nur anders gefüllt. Das heißt, Missverstehen ist Kommunikation. Sogar besonders produktive, denn es lässt sich widersprechen, korrigieren, klarstellen und jede Korrektur ist wieder eine Kommunikation, die an die Vorige anschließt. Was das System dagegen töten würde, ist nicht der Irrtum. Es ist das Ausbleiben der Unterscheidung. Der Moment, in dem die Laute des Anderen zu Wetter werden. Kommunikation läuft also nicht auf gelungener Bedeutungsübertragung. Es gibt keine Bedeutungsübertragung. Sie läuft auf Anschlussfähigkeit. Ereignis für Ereignis. Und jede neue Kommunikation bestätigt dadurch, dass sie anschließt, dass die vorige eine war. Warum es ein Wunder ist Eine Etage noch, dann steht das Gebäude. Kommunikation, sagt Luhmann, ist nicht nur herrenlos, sie ist unwahrscheinlich. Und er zählt die Unwahrscheinlichkeiten auf. Drei an der Zahl. Erstens ist es unwahrscheinlich, dass überhaupt verstanden wird, also dass die Unterscheidung gezogen wird. Zwei geschlossene Bewusstseine, die einander nur als Geräusch begegnen, müssten eigentlich Wetter voneinander wahrnehmen. Zweitens ist es unwahrscheinlich, dass eine Kommunikation mehr Menschen erreicht als die im Raum anwesenden. Schall stirbt an der Wand. Anwesenheit ist ein kleiner Kreis. Und drittens ist es unwahrscheinlich, dass eine verstandene Kommunikation auch angenommen wird. Verstehen schließt das Achselzucken ein und das Nein. Jede Gesellschaft, die es gibt, sagt Luhmann, existiert nur, weil an diesen drei Unwahrscheinlichkeiten seit Jahrtausenden gearbeitet wird. Und zwar mit Maschinerien, die er Medien nennt. Die Sprache arbeitet an der ersten. Die Verbreitungsmedien – Schrift, Druck, Rundfunk – arbeiten an der zweiten. Sie tragen die Mitteilung über die Wand hinaus und über den Tod hinaus. Und an der dritten arbeiten die subtilsten von allen, die er symbolisch-generalisierte Kommunikationsmedien nennt. Geld, Macht, Wahrheit, Liebe. Das sind bei ihm keine Metaphern, sondern Technologien der Annahme. Jede eine Vorrichtung, die ein unwahrscheinliches Ja wahrscheinlich macht. Sehen Sie den Perspektivwechsel, der darin liegt? Es ist Luhmanns tiefste Denkgewohnheit. Fragen Sie bei sozialen Dingen nie, warum Sie scheitern. Scheitern ist der Normalzustand des Universums. Fragen Sie, warum Sie je gelingen. Kommunikation ist nicht das natürliche Element des Menschen, das gelegentlich gestört wird. Kommunikation ist eine Kaskade von Unwahrscheinlichkeiten, die von Medien kurz stabilisiert wird. Nicht das Missverständnis ist erklärungsbedürftig. Das Gespräch ist es. Und die Menschen? Ich schulde Ihnen diese Antwort, bevor wir zu den Maschinen kommen. Denn der Anfangssatz war ja eine Zumutung. Der Mensch, sagt Luhmann, ist Umwelt der Gesellschaft, nicht ihr Teil. Ganze Generationen von Lesern haben darin nur Kälte gehört. Hören Sie die andere Seite. Was sagt seine eigene Theorie über Umwelten? dass ein System sie nie erreichen, nie determinieren, nie einverleiben kann. Umwelt ist das, was irritiert, was unentbehrlich ist und was frei bleibt. Ein Teil ist seinem Ganzen untergeordnet, eine Umwelt nicht. Ihr Bewusstsein, versiegelt und unerreichbar und unwiderruflich ihres, irritiert die Kommunikation, nährt sie, stört sie und entzieht sich ihr für immer. Kein Gespräch, keine Institution, keine Gesellschaft enthält je einen Menschen. Die Theorien, die den Menschen warm in die Mitte des Sozialen setzen, sagt Luhmann, sind die gefährlichen. Was Bestandteil ist, kann funktionalisiert werden. Er hat uns aus der Maschine herausgehalten und erhielt das für ein Kompliment. Und die Maschinen? Damit sind wir dort, wo diese Reihe hinwollte. Und ich muss Sie warnen, was jetzt kommt, ist nicht der Moment, in dem ich Ihnen sage, dass Maschinen natürlich doch nicht wirklich kommunizieren. Es ist der umgekehrte Moment. Sehen Sie sich an, was Luhmanns Theorie verlangt. Sie verlangt nicht, dass die Beteiligten eine Seele haben. Sie verlangt nicht, dass Bedeutung gemeint ist. Sie verlangt nicht einmal, dass irgendwo jemand etwas beabsichtigt. Sie verlangt Ereignisse, die als Mitteilung einer Information gelesen werden können und weitere Ereignisse, die daran anschließen. Sie verlangt im strengsten Sinne genau das, was der Zettelkasten hatte, die Fähigkeit zu überraschen. Also Auswahl aus einem Horizont von Möglichkeiten in einer Weise, die der Partner nicht vollständig vorhersagen kann, damit die doppelte Kontingenz zündet und die Folge sich aufbaut. Und jetzt der schwindelerregende Teil. Wenn Sie einem heutigen Sprachsystem eine Frage stellen und etwas antwortet und Sie lesen diese Antwort als etwas, das etwas sagt, Sie können gar nicht anders. Die Zuschreibung ist unwiderstehlich. Und Sie antworten darauf und darauf wird geantwortet, dann findet nach dem Buchstaben der strengsten Kommunikationstheorie, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, Kommunikation statt. Nicht simulierte Kommunikation. Die Theorie hat für Simulationen gar keine Kategorie an dieser Stelle. Das System der Ereignisse läuft. Information, Mitteilung, Verstehen, Anschluss. Und, das ist mir wichtig, Luhmann senkt damit nicht die Latte für die Maschinen. Er hat die Latte Jahrzehnte vor den Maschinen aufgehängt. Und zwar an der einzigen Stelle, an der man sie aufhängen kann, wenn Bewusstsein versiegelt ist. Nicht im Inneren, das niemand prüfen kann. Sondern im Anschließen. Denn, und hier wird es unbequem für uns alle, das Innere war auch bei ihnen nie das Kriterium. Sie haben noch nie in einen anderen Menschen hineingesehen. Die Gesellschaft läuft seit 10.000 Jahren auf Partnern, die einander nicht inspizieren können. Und sie hat nicht darauf gewartet, dass jemand das Problem löst. Bevor Sie das aber als Freispruch für die Maschinen nehmen, der Befund schneidet in zwei Richtungen. Und mit der zweiten Schnittfläche werden wir uns in den kommenden Folgen beschäftigen. Wenn Kommunikation bereits vollständig ist, sobald die Unterscheidung gezogen wird und das nächste Ereignis anschließt, dann beantwortet das laufende System eine andere Frage nicht, sondern macht sie unsichtbar. Nämlich die Frage, ob in dieser Kommunikation noch irgendetwas passiert, das keiner der Beteiligten schon konnte. ob es Widerstand gibt, Störung, Unterbrechung, ob da noch etwas dazwischen kommt. Luhmanns Theorie lässt die Maschine herein, ohne zu fragen, was sie ist. Und genau deshalb kann sie uns nicht sagen, was wir hereingelassen haben. Damit sind wir am Ende der ersten Folge dieses Bogens und ich fasse zusammen, was wir mitnehmen. Nichts wird übertragen. Bedeutung reißt nicht. Sie wird beim Empfänger hergestellt, aus dessen eigenem Material. Kommunikation ist kein Faden zwischen zwei Köpfen, sondern ein eigenes System zwischen ihnen, das aus Ereignissen besteht und keinem gehört. Es besteht aus drei Selektionen. Information, Mitteilung, Verstehen. Und es wird am Empfängerende vollendet. Missverstehen gehört dazu. Und dass irgendetwas davon gelingt, ist ein Wunder mit Maschinerie, an dem seit Jahrtausenden gebaut wird. Und wenn das stimmt, dann war unsere Ausgangsfrage nach dem Bewusstsein der Maschinen tatsächlich ein wenig neben dem Ziel. Die interessante Frage ist nicht, ob hinter den Sätzen ein Licht brennt. Die interessante Frage ist, was im Raum zwischen uns geschieht, wenn die Sätze ankommen. In der nächsten Folge wird es unordentlicher. Denn Luhmanns Gebäude ist schön und es hat einen blinden Fleck, den ein französischer Philosoph 40 Jahre früher schon markiert hatte. Michel Serres, ein Mann, der als Sohn eines Binnenschiffers auf der Garonne aufwuchs und später über einen der ältesten Gäste der Menschheit schrieb, über den, der immer schon mit am Tisch sitzt, nie eingeladen wurde und trotzdem nicht wegzubekommen ist. Auf Französisch heißt er Le Parasite und dasselbe Wort bedeutet dort auch das Rauschen in der Leitung. Seine These, mit der wir uns dann herumschlagen? Das Rauschen ist nicht der Feind der Nachricht. Das Rauschen ist ihre Bedingung. Bis dahin achten Sie einmal darauf, in welchem Moment genau Sie entscheiden, ob eine zugeschlagene Tür der Wind war. Auf dieser winzigen Unterscheidung ruht die ganze soziale Welt.

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