Das Bewusstsein der Maschinen - Folge 7
Nur die Kommunikation kommuniziert
13.08.2026 27 min
Zusammenfassung & Show Notes
Nach längerer Pause nimmt die Reihe einen neuen Anlauf, und zwar mit einer Verschiebung: Sechs Folgen lang ging es um Bewusstsein, und dabei wurde durchgehend etwas benutzt, das nie untersucht wurde, nämlich Kommunikation. Die neue sechs Folgen gehen darauf ein und schlagen einen Bogen.
Themen der Folge
- Wiedereinstieg nach der Pause: warum die Bewusstseinsfrage leicht neben dem Ziel lag
- Luhmanns Biografie als Grundlage der Theorie: Verwaltung, Harvard, Bielefeld
- Der Zettelkasten und das Kriterium des Partners: Überraschung
- Operative Geschlossenheit des Bewusstseins; die Leitungsmetapher im Deutschen
- Doppelte Kontingenz als Zündung statt Lähmung
- Kommunikation als drittes System; Bewusstsein als dessen Umwelt
- Die drei Selektionen: Information, Mitteilung, Verstehen
- Die zuschlagende Tür: Wind oder Mitteilung
- Vollendung am Empfängerende; Missverstehen als Kommunikation; Anschlussfähigkeit
- Die drei Unwahrscheinlichkeiten und ihre Medien
- Der Mensch als Umwelt: der kalte Satz und sein humaner Kern
- Maschinen im Buchstaben der Theorie; der doppelte Schnitt
- Ausblick auf Folge 08: Michel Serres und der Parasit
Themen der Folge
- Wiedereinstieg nach der Pause: warum die Bewusstseinsfrage leicht neben dem Ziel lag
- Luhmanns Biografie als Grundlage der Theorie: Verwaltung, Harvard, Bielefeld
- Der Zettelkasten und das Kriterium des Partners: Überraschung
- Operative Geschlossenheit des Bewusstseins; die Leitungsmetapher im Deutschen
- Doppelte Kontingenz als Zündung statt Lähmung
- Kommunikation als drittes System; Bewusstsein als dessen Umwelt
- Die drei Selektionen: Information, Mitteilung, Verstehen
- Die zuschlagende Tür: Wind oder Mitteilung
- Vollendung am Empfängerende; Missverstehen als Kommunikation; Anschlussfähigkeit
- Die drei Unwahrscheinlichkeiten und ihre Medien
- Der Mensch als Umwelt: der kalte Satz und sein humaner Kern
- Maschinen im Buchstaben der Theorie; der doppelte Schnitt
- Ausblick auf Folge 08: Michel Serres und der Parasit
GfA – Der Podcast
Der deutschsprachige Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Themen wechseln, im Wesentlichen geht es zurzeit um das Bewusstsein der Maschinen: Was Kybernetik und Systemtheorie zu Fragen nach Bewusstsein, Kommunikation und künstlicher Intelligenz beitragen können. Die Folgen bauen aufeinander auf, du kannst aber auch einzeln einsteigen.
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe von einer synthetischen Stimme.
Das Bewusstsein der Maschinen, Folge 07: Nur die Kommunikation kommuniziert
Nach längerer Pause nimmt die Reihe einen neuen Anlauf, und zwar mit einer Verschiebung: Sechs Folgen lang ging es um Bewusstsein, und dabei wurde durchgehend etwas benutzt, das nie untersucht wurde, nämlich Kommunikation. Der neue Sechserbogen holt das nach.
Diese Folge stellt Niklas Luhmann (1927–1998) vor, den Verwaltungsjuristen, der in Bielefeld das Forschungsprojekt „Theorie der Gesellschaft, Laufzeit dreißig Jahre, Kosten keine" anmeldete und es einhielt, samt seinem Zettelkasten aus neunzigtausend Zetteln, den er selbst als Kommunikationspartner beschrieb, weil er ihn überraschen konnte. Von dort führt der Weg zum Skandalon der geschlossenen Bewusstseine: Kein Gedanke hat je einen Kopf verlassen, die Leitungsmetapher unserer Alltagssprache („in Worte fassen", „rüberbringen", „ist angekommen") ist strukturell falsch, und trotzdem funktioniert Gesellschaft. Luhmanns Lösung: kein Faden zwischen den Köpfen, sondern ein drittes System, das aus doppelter Kontingenz zündet und aus Kommunikationsereignissen besteht. Die Folge entfaltet die drei Selektionen (Information, Mitteilung, Verstehen), zeigt am Beispiel der zuschlagenden Tür, dass Verstehen das Ziehen einer Unterscheidung ist und Kommunikation am Empfängerende vollendet wird, und begründet, warum Missverstehen Kommunikation ist und Anschlussfähigkeit das eigentliche Kriterium. Es folgen die drei Unwahrscheinlichkeiten der Kommunikation samt ihren Medien (Sprache; Schrift, Druck, Rundfunk; Geld, Macht, Wahrheit, Liebe) und die Umkehrung der Fragerichtung: nicht warum Verständigung scheitert, sondern warum sie je gelingt. Der Mensch als Umwelt der Gesellschaft wird gegen den Vorwurf der Kälte gelesen: Was nicht Bestandteil ist, kann nicht funktionalisiert werden. Zum Schluss die Anwendung auf die Maschinen: Nach dem Buchstaben dieser Theorie findet Kommunikation statt, sobald angeschlossen wird, denn das Innere war auch zwischen Menschen nie das Kriterium; zugleich der offene Rest, mit dem die Reihe weiterarbeitet: Eine Theorie, die niemanden ins Innere schauen lässt, kann auch nicht sagen, was da hereingelassen wurde.
Themen der Folge
- Wiedereinstieg nach der Pause: warum die Bewusstseinsfrage leicht neben dem Ziel lag
- Luhmanns Biografie als Grundlage der Theorie: Verwaltung, Harvard, Bielefeld
- Der Zettelkasten und das Kriterium des Partners: Überraschung
- Operative Geschlossenheit des Bewusstseins; die Leitungsmetapher im Deutschen
- Doppelte Kontingenz als Zündung statt Lähmung
- Kommunikation als drittes System; Bewusstsein als dessen Umwelt
- Die drei Selektionen: Information, Mitteilung, Verstehen
- Die zuschlagende Tür: Wind oder Mitteilung
- Vollendung am Empfängerende; Missverstehen als Kommunikation; Anschlussfähigkeit
- Die drei Unwahrscheinlichkeiten und ihre Medien
- Der Mensch als Umwelt: der kalte Satz und sein humaner Kern
- Maschinen im Buchstaben der Theorie; der doppelte Schnitt
- Ausblick auf Folge 08: Michel Serres und der Parasit
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LITERATUR
- Niklas Luhmann: *Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie*. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984. (Besonders das Kapitel zu Kommunikation und Handlung.)
- Niklas Luhmann: *Die Gesellschaft der Gesellschaft*. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.
- Niklas Luhmann: „Was ist Kommunikation?". In: *Soziologische Aufklärung 6*. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995.
- Niklas Luhmann: „Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation". In: *Soziologische Aufklärung 3*. Westdeutscher Verlag, Opladen 1981.
- Niklas Luhmann: „Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt?". In: Hans Ulrich Gumbrecht / K. Ludwig Pfeiffer (Hrsg.): *Materialität der Kommunikation*. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988.
- Niklas Luhmann: „Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht". In: *Universität als Milieu*. Haux, Bielefeld 1992.
- Michael J. Reddy: „The Conduit Metaphor". In: Andrew Ortony (Hrsg.): *Metaphor and Thought*. Cambridge University Press, Cambridge 1979.
- Talcott Parsons / Edward Shils (Hrsg.): *Toward a General Theory of Action*. Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 1951. (Zur doppelten Kontingenz in ihrem ursprünglichen Zusammenhang.)
- Detlef Horster: *Niklas Luhmann*. Beck, München 1997. (Gut lesbare Einführung.)
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Transkript
Willkommen zurück bei Das Bewusstsein der
Maschinen Es ist eine Weile her. Die
letzte Folge liegt Monate zurück. Und in
solchen Monaten verschiebt sich einiges.
Im Feld wie im Kopf. Ich will deshalb
nicht so tun, als hätten wir gestern
aufgehört. Ich will stattdessen erzählen,
warum die Pause etwas mit dem Thema zu tun
hat und was sich in ihr geklärt hat. Sechs
Folgen lang haben wir über Bewusstsein
gesprochen. Über Formen des Bewusstseins,
über Systeme, die sich selbst beobachten,
über die Frage, ob eine Maschine so etwas
wie Erleben haben kann und über den
Verdacht, dass wir bei dieser Frage
vielleicht nicht genau genug hinsehen. Und
in der Pause, beim Sortieren des
Materials, ist mir etwas aufgefallen, das
ich vorher übersehen hatte. Nicht ein
neues Argument. Eine Verschiebung des
Ziels. Wir haben die ganze Zeit gefragt,
ist da drin jemand? Ist hinter den Sätzen,
die eine Maschine produziert, ein Licht
an? Und diese Frage ist ehrenwert, sie ist
alt. Sie ist im Kern die Frage nach dem
Anderen überhaupt. Aber sie hat eine
unangenehme Eigenschaft. Sie ist von außen
nicht zu beantworten. Nicht schwer zu
beantworten, sondern strukturell nicht.
Niemand kann in ein anderes System
hineinsehen. nicht in eine Maschine, nicht
in ein Tier und, wenn wir ehrlich sind,
auch nicht in den Menschen, der einem
gegenüber sitzt. Und dann ist mir
aufgegangen, dass wir bei all dem etwas
benutzt haben, ohne es je zu untersuchen.
Etwas, das in jeder einzelnen Folge
vorkam, in jedem Beispiel, in jedem
Gedankenexperiment. Wir haben
ununterbrochen von Kommunikation
gesprochen. Von Systemen, die miteinander
sprechen. Von Informationen, die
weitergegeben werden. Von Verstehen und
Missverstehen. Und wir haben nicht ein
einziges Mal gefragt, was das eigentlich
ist. Das holen wir jetzt nach. Die
nächsten sechs Folgen handeln von
Kommunikation. Und ich sage es gleich zu
Beginn. Am Ende dieses Bogens wird die
Frage nach dem Bewusstsein der Maschinen
nicht beantwortet sein. Sie wird ersetzt
sein durch eine bessere. Heute beginnen
wir mit einem Satz, der Sie ärgern soll.
Er stammt von einem deutschen Soziologen.
Er ist gut 40 Jahre alt und er lautet, der
Mensch kann nicht kommunizieren. Auch sein
Gehirn kann nicht kommunizieren. Auch sein
Bewusstsein kann nicht kommunizieren. Nur
die Kommunikation kann kommunizieren.
Bleiben Sie kurz bei dem Ärger. Er ist
berechtigt. Kommunizieren ist doch das
Menschlichste überhaupt. Das, was wir am
Küchentisch tun und am Sterbebett. Wir
leben in einer Kommunikationsgesellschaft.
Wir tragen Kommunikationsgeräte mit uns
herum. Wir beklagen
Kommunikationsprobleme. Und hier kommt
jemand und sagt uns, freundlich und ohne
jede Bosheit, dass wir es noch nie getan
haben. Bis zum Ende dieser Folge soll
dieser Satz nicht mehr wie eine
Provokation klingen, sondern wie eine
Lösung. Und zwar wie die sauberste Lösung,
die jemand für das Problem gefunden hat,
um das wir bislang herumgegangen sind. Der
Mann aus Bielefeld Niklas Luhmann, 1927
bis 1998. Geboren in Lüneburg, Sohn eines
Brauerei-Besitzers. Mit 15 als
Luftwaffenhelfer eingezogen, kurz in
amerikanischer Kriegsgefangenschaft.
Danach Jura und dann, und das ist für
alles weitere wichtiger als jede
Universität, Verwaltung. Luhmann war
jahrelang Beamter, unter anderem im
niedersächsischen Kultusministerium. Ich
glaube, man versteht seine Theorie besser,
wenn man sich diesen Umstand vorstellt.
Während andere Denker seiner Generation
Heidegger lasen und über das Sein
grübelten, saß Luhmann in einem Amt und
bearbeitete Akten. Und er sah dabei etwas,
das man in keinem Seminar sieht, wie eine
Verwaltung tatsächlich läuft. wie eine
Entscheidung an die vorherige anschließt,
wie die Akte mit der Akte kommuniziert,
wie der Apparat weiterarbeitet, ganz
gleich, was der einzelne Sachbearbeiter
denkt oder fühlt oder frühstückt. Wenn man
lernen will, dass Kommunikation ohne
Seelen funktioniert, ist das Amt der
bessere Lehrmeister als die Philosophie.
1960 ein Jahr in Harvard, bei Talcott
Parsons, dem großen amerikanischen
Systembauer. Newman nahm mit, was er
brauchte, und liest den Rest. 1968 wurde
er erster Soziologie-Professor an der neu
gegründeten Universität Bielefeld. Dort
musste er, wie alle Neuberufenden, ein
Formular ausfüllen. Forschungsprojekt,
Laufzeit, Kosten. Er trug ein, Theorie der
Gesellschaft, Laufzeit 30 Jahre, Kosten
keine. Das war kein Scherz, oder
jedenfalls nicht nur. Es hat fast genau 30
Jahre gedauert. Der Grundstein, soziale
Systeme, erschien 1984, der fertige Bau,
die Gesellschaft der Gesellschaft 1997,
ein Jahr vor seinem Tod. Dazwischen rund
70 Bücher. Eine Theorie des Rechts, der
Kunst, der Religion, der Wirtschaft, der
Liebe. Jedes ein Flügel desselben
Gebäudes. Und dann die Frage, die sich bei
Luhmann stellt, wie schreibt ein Mensch 70
Bücher? Die Antwort stand in seinem
Arbeitszimmer und sie ist, ich schwöre,
ich habe mir das für diesen Podcast nicht
ausgedacht, selbst ein
Kommunikationssystem. Der Zettelkasten. Am
Ende etwa 90.000 handbeschriebene Zettel,
nicht nach Themen sortiert, wie in einer
Bibliothek, sondern nach Verbindungen.
Jeder Zettel so nummeriert, dass sich
hinter jeden ein weiterer schieben ließ,
Gedanke an Gedanke, mit Verweisen auf
Verweise auf Verweise. Luhmann hat darüber
einen kleinen Aufsatz geschrieben und der
Titel gehört in unsere Reihe Kommunikation
mit Zettelkästen. Darin sagt er in vollem
Ernst, der Kasten sei sein Partner
gewesen. Nach Jahrzehnten des Fütterns sei
das Netz der Zettel so dicht geworden, so
unübersichtlich in seinen
Querverbindungen, dass es das eine konnte,
was einen Partner zum Partner macht und
ein Werkzeug zum Werkzeug degradiert. Es
konnte ihn überraschen. Er fragte den
Kasten etwas und bekam Kombinationen
zurück, die er nie hineingelegt hatte.
Eine Papiermaschine. Zellulose und Tinte.
Kein Prozessor, keine Seele. Und trotzdem,
sagt Luhmann, fand Kommunikation statt.
Merken Sie sich das Wort Überraschung.
Merken Sie es sich zweimal. Die ganze
Theorie, die wir jetzt aufbauen, steckt in
dieser Bemerkung. Und die Frage, ob sie
mit einer Maschine kommunizieren können,
vermutlich auch. Das Skandalon. Jetzt zur
Theorie. Und der Weg hinein führt, wie so
oft, über ein Problem, das alle für gelöst
halten. Die Frage lautet, wie ist
Kommunikation überhaupt möglich? Nicht
rhetorisch gemeint, sondern technisch.
Denn hier stoßen wir auf etwas, das unsere
ersten sechs Folgen vorbereitet haben.
Bewusstsein ist ein operativ geschlossenes
System. Ihre Gedanken werden von ihren
Gedanken erzeugt. In einem versiegelten
Kreislauf. Kein Gedanke hat je einen Kopf
verlassen. Nicht einer. In der ganzen
Geschichte der Menschheit. Sie können
nicht in meinem Kopf denken, ich nicht in
Ihrem. Die Alltagsvorstellung hat dafür
ein Bild. Und dieses Bild sitzt so tief in
unserer Sprache, dass wir es nicht mehr
bemerken. Hören Sie einmal hin, wie wir
über das Sprechen sprechen. Wir fassen
Gedanken in Worte, als wären Worte
Behälter. Wir versuchen, etwas
rüberzubringen. Wir fragen, ob das
angekommen ist. Wir sagen, ein Satz habe
einen tiefen Gehalt oder sei hohl. Als
könne man hineingreifen. Der Groschen
fällt. Die Botschaft kommt an. Der
Sprachwissenschaftler Michael Reddy hat
für dieses Bild einen Namen geprägt. Die
Leitungsmetapher. The Conduit Metaphor.
Kommunikation als Frachtverkehr. Der
Sender packt Bedeutung in Worte, schickt
sie durch einen Kanal. Der Empfänger packt
sie wieder aus. Erfolg heißt Identität. Es
soll drüben ankommen, was Hüben
abgeschickt wurde. Störung heißt Rauschen.
Und dieses Bild ist falsch. Nicht ein
wenig ungenau, sondern strukturell falsch.
Denn wenn nichts einen Kopf verlässt, dann
kann auch nichts von Kopf zu Kopf reisen.
Was in ihnen entsteht, während sie mir
zuhören, ist keine Kopie von irgendetwas.
Es ist gebaut aus ihren Erinnerungen,
ihrer Sprache, ihren Erwartungen. Aus den
Silben, die sie eben überhört und
stillschweigend ergänzt haben. Verstehen
ist keine Entnahme. Verstehen ist
Konstruktion, angeregt durch das, was
ankommt, aber ausgeführt vollständig auf
ihrer Seite, mit ihrem Material. Und damit
haben wir ein echtes Skandalon. Zwei
versiegelte Systeme, nichts geht hinüber
und trotzdem sitzen wir hier. Koordiniert,
verständigt, streitend,
gesellschaftenbound. Wenn zwischen
geschlossenen Bewusstseinen nichts
übergeht, wie kommt dann das hier
zustande? Moomans Antwort ist radikaler
als alles, was vor ihm versucht wurde. Er
sagt, hört auf, einen Faden zwischen die
beiden versiegelten Zimmer spannen zu
wollen. Es gibt keinen Faden. Stattdessen
schaut er auf das, was tatsächlich
passiert, wenn zwei geschlossene Systeme
einander ausgesetzt sind. Ich kann ihre
Gedanken nicht sehen, sie meine nicht. Was
ich tue, hängt davon ab, was ich von ihnen
erwarte, und das hängt davon ab, was sie
von mir erwarten, und das wiederum davon,
was sie erwarten, dass ich erwarte.
Luhmann nennt das doppelte Kontingenz. Auf
dem Papier ist die Lage hoffnungslos, ein
unendlicher Regress wechselseitiger
Undurchsichtigkeit. Aber in der
Wirklichkeit lähmt dieser Regress nicht.
Er zündet. Irgendjemand riskiert eine
Geste. Der andere reagiert auf die
Reaktion. Erwartungen über Erwartungen
bilden sich. Und es entsteht etwas, das
keinem der beiden gehört. Eine Folge von
Ereignissen mit eigener Geschichte,
eigenem Zug, eigenen Ansprüchen. Wir sagen
dazu beiläufig ein Gespräch. Luhmann sagt
mit vollem Ernst ein System. Ein drittes
System. Nicht ihr Bewusstsein, nicht
meines. Es besteht weder aus Neuronen noch
aus Gedanken, sondern aus
Kommunikationsereignissen, von denen jedes
an das vorige anschließt und das nächste
ermöglicht. Und das sich selbst aus seinen
eigenen Produkten fortsetzt, solange es
läuft. Kommunikation ist keine Brücke
zwischen zwei Systemen. Kommunikation ist
selbst ein System, das die beiden
Bewusstseine als Umwelt benutzt. So wie
eine Flamme die Luft benutzt. Und das
keinem von beiden gehört. Nur die
Kommunikation kommuniziert. Der Satz ist
kein Paradox mehr. Er ist eine Definition.
Bewusstsein denkt. Gehirne feuern.
Kommunikation kommuniziert. Drei
Systemtypen, drei Geschlossenheiten,
nirgends ein Übergang und das Skandalon
ist gelöst. Nicht in dem erklärt wird, wie
Gedanken von Kopf zu Kopf kommen, sondern
in dem auffällt, dass sie das nie mussten.
Die drei Selektionen Was aber ist dann ein
Kommunikationsereignis, wenn nicht ein
zugestellter Gedanke? Hier baut Luhmann
seinen Ersatz für das
Sender-Empfänger-Schema. Und das ist eine
kleine Maschine aus drei Teilen. Wenn Sie
heute nur eine Sache mitnehmen, dann
diese. Sie werden Gespräche danach anders
sehen. Jede Kommunikation, sagt Luhmann,
ist die Einheit von drei Selektionen.
Information – das Was. Etwas wird
ausgewählt aus dem Horizont dessen, was
auch hätte gesagt werden können.
Information ist immer eine Auswahl vor
einem Hintergrund von Alternativen.
Mitteilung – das Das und das Wie. dass
überhaupt etwas gesagt wurde, in diesem
Ton, in diesem Moment, auf diesem Weg,
statt zu schweigen oder es anders zu
sagen. Auch das ist eine Auswahl, und zwar
eine andere als die erste. Und drittens,
die merkwürdigste und tragendste,
verstehen. Und Luhmann meint damit etwas
Präzises und Unerwartetes. Verstehen ist
nicht das geistige Erfassen der Absicht
des Anderen. Das kann es nicht sein. Die
Köpfe sind versiegelt. Verstehen ist das
Ziehen einer Unterscheidung. Der Moment,
in dem die empfangende Seite das
Geschehene als Mitteilung einer
Information behandelt. Also den
Unterschied zwischen dem Was und dem Das
überhaupt macht. Ein Beispiel, an dem man
es sofort sieht. Eine Tür schlägt zu. Fall
1. Es war der Wind. Sie registrieren
vielleicht etwas, denken an Durchzug,
stehen auf und schließen das Fenster. Aber
sie schreiben niemandem eine Mitteilung
zu. Es ist Wetter, keine Kommunikation.
Fall 2. Jemand hat sie zugeschlagen. Und
jetzt passiert etwas in ihnen, das sie gar
nicht verhindern können. Sie teilen das
Ereignis. Da wurde etwas getan und es sagt
etwas. Das Was und das Das fallen
auseinander. Und genau in diesem
Auseinanderfallen, nirgendwo sonst, ist
Kommunikation zustande gekommen. Halten
Sie einen Moment fest, was daraus folgt,
denn es ist erdrutschartig. Die
Kommunikation wird am Empfängerende
vollendet. Nicht, wenn etwas abgeschickt
wird. Erst, wenn die Unterscheidung
gezogen wird. Der Sender macht keine
Kommunikation. Der Sender macht Geräusche
und Verhalten. Ob Kommunikation
stattgefunden hat, entscheidet sich
stromabwärts. Und die zweite Folgerung ist
noch überraschender. Sie betrifft das
Missverstehen. Wenn ich sie missverstehe,
habe ich ihre Äußerung immer noch als
Mitteilung einer Information verstanden.
Ich habe die Unterscheidung gezogen und
nur anders gefüllt. Das heißt,
Missverstehen ist Kommunikation. Sogar
besonders produktive, denn es lässt sich
widersprechen, korrigieren, klarstellen
und jede Korrektur ist wieder eine
Kommunikation, die an die Vorige
anschließt. Was das System dagegen töten
würde, ist nicht der Irrtum. Es ist das
Ausbleiben der Unterscheidung. Der Moment,
in dem die Laute des Anderen zu Wetter
werden. Kommunikation läuft also nicht auf
gelungener Bedeutungsübertragung. Es gibt
keine Bedeutungsübertragung. Sie läuft auf
Anschlussfähigkeit. Ereignis für Ereignis.
Und jede neue Kommunikation bestätigt
dadurch, dass sie anschließt, dass die
vorige eine war. Warum es ein Wunder ist
Eine Etage noch, dann steht das Gebäude.
Kommunikation, sagt Luhmann, ist nicht nur
herrenlos, sie ist unwahrscheinlich. Und
er zählt die Unwahrscheinlichkeiten auf.
Drei an der Zahl. Erstens ist es
unwahrscheinlich, dass überhaupt
verstanden wird, also dass die
Unterscheidung gezogen wird. Zwei
geschlossene Bewusstseine, die einander
nur als Geräusch begegnen, müssten
eigentlich Wetter voneinander wahrnehmen.
Zweitens ist es unwahrscheinlich, dass
eine Kommunikation mehr Menschen erreicht
als die im Raum anwesenden. Schall stirbt
an der Wand. Anwesenheit ist ein kleiner
Kreis. Und drittens ist es
unwahrscheinlich, dass eine verstandene
Kommunikation auch angenommen wird.
Verstehen schließt das Achselzucken ein
und das Nein. Jede Gesellschaft, die es
gibt, sagt Luhmann, existiert nur, weil an
diesen drei Unwahrscheinlichkeiten seit
Jahrtausenden gearbeitet wird. Und zwar
mit Maschinerien, die er Medien nennt. Die
Sprache arbeitet an der ersten. Die
Verbreitungsmedien – Schrift, Druck,
Rundfunk – arbeiten an der zweiten. Sie
tragen die Mitteilung über die Wand hinaus
und über den Tod hinaus. Und an der
dritten arbeiten die subtilsten von allen,
die er symbolisch-generalisierte
Kommunikationsmedien nennt. Geld, Macht,
Wahrheit, Liebe. Das sind bei ihm keine
Metaphern, sondern Technologien der
Annahme. Jede eine Vorrichtung, die ein
unwahrscheinliches Ja wahrscheinlich
macht. Sehen Sie den Perspektivwechsel,
der darin liegt? Es ist Luhmanns tiefste
Denkgewohnheit. Fragen Sie bei sozialen
Dingen nie, warum Sie scheitern. Scheitern
ist der Normalzustand des Universums.
Fragen Sie, warum Sie je gelingen.
Kommunikation ist nicht das natürliche
Element des Menschen, das gelegentlich
gestört wird. Kommunikation ist eine
Kaskade von Unwahrscheinlichkeiten, die
von Medien kurz stabilisiert wird. Nicht
das Missverständnis ist
erklärungsbedürftig. Das Gespräch ist es.
Und die Menschen? Ich schulde Ihnen diese
Antwort, bevor wir zu den Maschinen
kommen. Denn der Anfangssatz war ja eine
Zumutung. Der Mensch, sagt Luhmann, ist
Umwelt der Gesellschaft, nicht ihr Teil.
Ganze Generationen von Lesern haben darin
nur Kälte gehört. Hören Sie die andere
Seite. Was sagt seine eigene Theorie über
Umwelten? dass ein System sie nie
erreichen, nie determinieren, nie
einverleiben kann. Umwelt ist das, was
irritiert, was unentbehrlich ist und was
frei bleibt. Ein Teil ist seinem Ganzen
untergeordnet, eine Umwelt nicht. Ihr
Bewusstsein, versiegelt und unerreichbar
und unwiderruflich ihres, irritiert die
Kommunikation, nährt sie, stört sie und
entzieht sich ihr für immer. Kein
Gespräch, keine Institution, keine
Gesellschaft enthält je einen Menschen.
Die Theorien, die den Menschen warm in die
Mitte des Sozialen setzen, sagt Luhmann,
sind die gefährlichen. Was Bestandteil
ist, kann funktionalisiert werden. Er hat
uns aus der Maschine herausgehalten und
erhielt das für ein Kompliment. Und die
Maschinen? Damit sind wir dort, wo diese
Reihe hinwollte. Und ich muss Sie warnen,
was jetzt kommt, ist nicht der Moment, in
dem ich Ihnen sage, dass Maschinen
natürlich doch nicht wirklich
kommunizieren. Es ist der umgekehrte
Moment. Sehen Sie sich an, was Luhmanns
Theorie verlangt. Sie verlangt nicht, dass
die Beteiligten eine Seele haben. Sie
verlangt nicht, dass Bedeutung gemeint
ist. Sie verlangt nicht einmal, dass
irgendwo jemand etwas beabsichtigt. Sie
verlangt Ereignisse, die als Mitteilung
einer Information gelesen werden können
und weitere Ereignisse, die daran
anschließen. Sie verlangt im strengsten
Sinne genau das, was der Zettelkasten
hatte, die Fähigkeit zu überraschen. Also
Auswahl aus einem Horizont von
Möglichkeiten in einer Weise, die der
Partner nicht vollständig vorhersagen
kann, damit die doppelte Kontingenz zündet
und die Folge sich aufbaut. Und jetzt der
schwindelerregende Teil. Wenn Sie einem
heutigen Sprachsystem eine Frage stellen
und etwas antwortet und Sie lesen diese
Antwort als etwas, das etwas sagt, Sie
können gar nicht anders. Die Zuschreibung
ist unwiderstehlich. Und Sie antworten
darauf und darauf wird geantwortet, dann
findet nach dem Buchstaben der strengsten
Kommunikationstheorie, die das 20.
Jahrhundert hervorgebracht hat,
Kommunikation statt. Nicht simulierte
Kommunikation. Die Theorie hat für
Simulationen gar keine Kategorie an dieser
Stelle. Das System der Ereignisse läuft.
Information, Mitteilung, Verstehen,
Anschluss. Und, das ist mir wichtig,
Luhmann senkt damit nicht die Latte für
die Maschinen. Er hat die Latte Jahrzehnte
vor den Maschinen aufgehängt. Und zwar an
der einzigen Stelle, an der man sie
aufhängen kann, wenn Bewusstsein
versiegelt ist. Nicht im Inneren, das
niemand prüfen kann. Sondern im
Anschließen. Denn, und hier wird es
unbequem für uns alle, das Innere war auch
bei ihnen nie das Kriterium. Sie haben
noch nie in einen anderen Menschen
hineingesehen. Die Gesellschaft läuft seit
10.000 Jahren auf Partnern, die einander
nicht inspizieren können. Und sie hat
nicht darauf gewartet, dass jemand das
Problem löst. Bevor Sie das aber als
Freispruch für die Maschinen nehmen, der
Befund schneidet in zwei Richtungen. Und
mit der zweiten Schnittfläche werden wir
uns in den kommenden Folgen beschäftigen.
Wenn Kommunikation bereits vollständig
ist, sobald die Unterscheidung gezogen
wird und das nächste Ereignis anschließt,
dann beantwortet das laufende System eine
andere Frage nicht, sondern macht sie
unsichtbar. Nämlich die Frage, ob in
dieser Kommunikation noch irgendetwas
passiert, das keiner der Beteiligten schon
konnte. ob es Widerstand gibt, Störung,
Unterbrechung, ob da noch etwas dazwischen
kommt. Luhmanns Theorie lässt die Maschine
herein, ohne zu fragen, was sie ist. Und
genau deshalb kann sie uns nicht sagen,
was wir hereingelassen haben. Damit sind
wir am Ende der ersten Folge dieses Bogens
und ich fasse zusammen, was wir mitnehmen.
Nichts wird übertragen. Bedeutung reißt
nicht. Sie wird beim Empfänger
hergestellt, aus dessen eigenem Material.
Kommunikation ist kein Faden zwischen zwei
Köpfen, sondern ein eigenes System
zwischen ihnen, das aus Ereignissen
besteht und keinem gehört. Es besteht aus
drei Selektionen. Information, Mitteilung,
Verstehen. Und es wird am Empfängerende
vollendet. Missverstehen gehört dazu. Und
dass irgendetwas davon gelingt, ist ein
Wunder mit Maschinerie, an dem seit
Jahrtausenden gebaut wird. Und wenn das
stimmt, dann war unsere Ausgangsfrage nach
dem Bewusstsein der Maschinen tatsächlich
ein wenig neben dem Ziel. Die interessante
Frage ist nicht, ob hinter den Sätzen ein
Licht brennt. Die interessante Frage ist,
was im Raum zwischen uns geschieht, wenn
die Sätze ankommen. In der nächsten Folge
wird es unordentlicher. Denn Luhmanns
Gebäude ist schön und es hat einen blinden
Fleck, den ein französischer Philosoph 40
Jahre früher schon markiert hatte. Michel
Serres, ein Mann, der als Sohn eines
Binnenschiffers auf der Garonne aufwuchs
und später über einen der ältesten Gäste
der Menschheit schrieb, über den, der
immer schon mit am Tisch sitzt, nie
eingeladen wurde und trotzdem nicht
wegzubekommen ist. Auf Französisch heißt
er Le Parasite und dasselbe Wort bedeutet
dort auch das Rauschen in der Leitung.
Seine These, mit der wir uns dann
herumschlagen? Das Rauschen ist nicht der
Feind der Nachricht. Das Rauschen ist ihre
Bedingung. Bis dahin achten Sie einmal
darauf, in welchem Moment genau Sie
entscheiden, ob eine zugeschlagene Tür der
Wind war. Auf dieser winzigen
Unterscheidung ruht die ganze soziale
Welt.
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