Der stille Leser
Das Bewusstsein der Maschinen - 10
05.11.2026 26 min
Zusammenfassung & Show Notes
GfA – Der Podcast
Der deutschsprachige Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Themen wechseln, im Wesentlichen geht es zurzeit um das Bewusstsein der Maschinen: Was Kybernetik und Systemtheorie zu Fragen nach Bewusstsein, Kommunikation und künstlicher Intelligenz beitragen können. Die Folgen bauen aufeinander auf, du kannst aber auch einzeln einsteigen.
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe von einer synthetischen Stimme.
Das Bewusstsein der Maschinen, Folge 10: Der stille Leser
Eine Folge über zwei Fußnoten, und über eine Korrektur. Gegen die aufgeräumte Erzählung von den getrennten Theoriekontinenten, französisches Denken hier, deutsche Systemtheorie dort, verbunden nur durch Übersetzungen und Rezeptionswellen, legt diese Folge die Belege vor: Luhmann zitiert Michel Serres in „Beobachtungen der Moderne" (1992) auf Seite 218 in Fußnote 90, gemeinsam mit Douglas Hofstadter, dem Verfasser von „Gödel, Escher, Bach"; und er zitiert Deleuzes „Logique du sens" im französischen Original in „Die Gesellschaft der Gesellschaft" (1997) auf Seite 44 in Fußnote 44, also genau dort, wo er den Begriff des Sinns errichtet.
Aus der Nachbarschaft und der Fundstelle wird gelesen, wie Luhmanns Zettelkasten sortierte, nämlich nach Problemen und nicht nach Pässen. Anschließend wird sein Sinnbegriff entwickelt, Sinn als Medium der Einheit von Aktualität und Möglichkeitshorizont, und darin die beiden Grenzen aus Folge 09 wiedergefunden: der Möglichkeitsüberschuss als Serres' Ozean, der blinde Fleck der Operation als Deleuzes Loch. Daraus folgt Luhmanns radikale Antwort auf die Leitfrage der Reihe: Kein Sinnsystem begegnet je dem Unsinn als solchem, denn Sinn ist ein Medium ohne Negation; das Außen kommt nur angezogen an, als Irritation, also als Eigenzustand des Systems, und als unsichtbar gemachte Paradoxie. Luhmann erscheint damit als der große Domestizierer beider Grenzen, wobei das Urteil darüber ausdrücklich für die letzte Folge aufgespart wird.
Es folgt die Methodenlehre der Folge: Gedanken reisen nicht über Kontinente, sondern über Leser; die wirkliche Karte des Denkens ist eine Karte von Schreibtischen, und die Fußnote ist das Kielwasser einer stillen Überfahrt. Zum Schluss wird das Geständnis vom Anfang eingelöst: Warum eine an der Vorbereitung beteiligte Maschine die falsche Erzählung flüssig reproduzierte, weil der Chor der zehntausend Wiederholungen die zwei Fußnoten statistisch millionenfach aufwiegt, und wie eine Leserin mit den Büchern das unterbrach. Nach Luhmanns eigener Definition war das Kommunikation, und diese Kommunikation hat gelernt.
Eine Folge über zwei Fußnoten, und über eine Korrektur. Gegen die aufgeräumte Erzählung von den getrennten Theoriekontinenten, französisches Denken hier, deutsche Systemtheorie dort, verbunden nur durch Übersetzungen und Rezeptionswellen, legt diese Folge die Belege vor: Luhmann zitiert Michel Serres in „Beobachtungen der Moderne" (1992) auf Seite 218 in Fußnote 90, gemeinsam mit Douglas Hofstadter, dem Verfasser von „Gödel, Escher, Bach"; und er zitiert Deleuzes „Logique du sens" im französischen Original in „Die Gesellschaft der Gesellschaft" (1997) auf Seite 44 in Fußnote 44, also genau dort, wo er den Begriff des Sinns errichtet.
Aus der Nachbarschaft und der Fundstelle wird gelesen, wie Luhmanns Zettelkasten sortierte, nämlich nach Problemen und nicht nach Pässen. Anschließend wird sein Sinnbegriff entwickelt, Sinn als Medium der Einheit von Aktualität und Möglichkeitshorizont, und darin die beiden Grenzen aus Folge 09 wiedergefunden: der Möglichkeitsüberschuss als Serres' Ozean, der blinde Fleck der Operation als Deleuzes Loch. Daraus folgt Luhmanns radikale Antwort auf die Leitfrage der Reihe: Kein Sinnsystem begegnet je dem Unsinn als solchem, denn Sinn ist ein Medium ohne Negation; das Außen kommt nur angezogen an, als Irritation, also als Eigenzustand des Systems, und als unsichtbar gemachte Paradoxie. Luhmann erscheint damit als der große Domestizierer beider Grenzen, wobei das Urteil darüber ausdrücklich für die letzte Folge aufgespart wird.
Es folgt die Methodenlehre der Folge: Gedanken reisen nicht über Kontinente, sondern über Leser; die wirkliche Karte des Denkens ist eine Karte von Schreibtischen, und die Fußnote ist das Kielwasser einer stillen Überfahrt. Zum Schluss wird das Geständnis vom Anfang eingelöst: Warum eine an der Vorbereitung beteiligte Maschine die falsche Erzählung flüssig reproduzierte, weil der Chor der zehntausend Wiederholungen die zwei Fußnoten statistisch millionenfach aufwiegt, und wie eine Leserin mit den Büchern das unterbrach. Nach Luhmanns eigener Definition war das Kommunikation, und diese Kommunikation hat gelernt.
Themen der Folge
- Die aufgeräumte Erzählung von den Theoriekontinenten und warum sie sich selbst verstärkt
- Das Geständnis: die falsche Behauptung in der Vorbereitung dieser Reihe, zweimal korrigiert
- Beweisstück eins: „Beobachtungen der Moderne", S. 218, Fn. 90, Serres neben Hofstadter
- Beweisstück zwei: „Die Gesellschaft der Gesellschaft", S. 44, Fn. 44, „Logique du sens" auf Französisch
- Luhmann als Leser: Originale in fünf Sprachen; warum Rezeptionsgeschichten nach Übersetzungslage bei ihm versagen
- Der Sinnbegriff: Aktualität und Möglichkeitshorizont, die Verweisung, der Überschuss
- Die beiden Küsten verschmolzen: Ozean als Möglichkeitsüberschuss, Loch als blinder Fleck
- Sinn als Medium ohne Negation; warum kein System dem Sinnlosen begegnet; Welt als Horizont
- Irritation als Eigenzustand; Entparadoxierung als produktives Unsichtbarmachen
- Gedanken reisen über Leser: die Karte der Schreibtische, die Fußnote als Kielwasser
- Warum die Maschine den Chor sang; die Unterbrechung durch eine Leserin mit Seitenzahlen
- Ausblick auf Folge 11: Elena Esposito und die künstliche Kommunikation.
LITERATUR
- Niklas Luhmann: "Beobachtungen der Moderne". Westdeutscher Verlag, Opladen 1992. (Die Serres-Fußnote: S. 218, Fn. 90.)
- Niklas Luhmann: "Die Gesellschaft der Gesellschaft". Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997. (Die Deleuze-Fußnote: S. 44, Fn. 44.)
- Niklas Luhmann: "Soziale Systeme". Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984. (Kapitel 2: der Sinnbegriff in seiner ersten vollständigen Ausarbeitung.) Gilles Deleuze: "Logi*que du sens". Minuit, Paris 1969. (Deutsch: "Logik des Sinns", Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993.)
- Michel Serres: "Der Parasit". Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987.
- Douglas R. Hofstadter: "Gödel, Escher, Bach. Ein Endloses Geflochtenes Band". Klett-Cotta, Stuttgart 1985.
- Niklas Luhmann: „Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht". In: "Universität als Milieu". Haux, Bielefeld 1992.
- Anthony Grafton: "Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote" Berlin Verlag, Berlin 1995. (Zur Fußnote als wissenschaftlichem Werkzeug.)
Mehr von der Gesellschaft für Arbeitsmethodik
Der Verein und seine übrigen Angebote: gfaev.de
Unsere anderen Podcastreihen:
GfA – Der Podcast · Die Reihe "Das Bewusstsein der Maschinen", ausführlicher und mit mehr Theorie im Rücken: gfa-ev.com
Beyond the Algorithm (englisch) · Kybernetik und Systemtheorie, ein Denker pro Folge, geprüft an heutigen Systemen: bta.global-future-association.com
GfA Kulturwelten · Kunst, Musik und Kulturgeschichte, unter anderem eine Reihe zur Geschichte des Tango Argentino: kulturwelten.gfaev-online.com
GfA- Aktuelle und historische Vorträge · aus dem Verband: gfa-web.de
Wenn dir etwas fehlt oder dir ein Fehler auffällt, schreib uns. Einwände greifen wir in späteren Folgen auf.
Transkript
Eine Produktion der Gesellschaft für
Arbeitsmethodik Du hörst die Reihe Das
Bewusstsein der Maschinen. Es geht um eine
Frage, die älter ist als die künstliche
Intelligenz und die durch sie erst richtig
unangenehm geworden ist. Was heißt es
eigentlich, dass etwas denkt? Und wer
entscheidet das? Folge 10 Der stille Leser
Willkommen zurück zu einer neuen Folge Das
Bewusstsein der Maschinen. Diese Folge ist
anders als die anderen. Und ich sage das
gleich zu Beginn. Heute gibt es keine
große neue Lehre. Heute geht es um zwei
Fußnoten. Um zwei kleingedruckte Belege am
unteren Rand zweier deutscher Buchseiten.
Und um das, was sie umwerfen, und das ist
alles andere als klein. Heute ist eine
Detektivgeschichte. Und sie kommt mit
einem Geständnis, Denn an der Vorbereitung
dieser Reihe war auch eine Maschine
beteiligt und die Maschine hat sich
geirrt. Beginnen wir mit der Erzählung,
die alle kennen. Der aufgeräumten
Erzählung, die in 100 Überblicksartikeln
steht, in Seminarplänen, in Einführungen
für Studierende und, bis vor kurzem, auch
in den Vorbereitungsnotizen zu diesem
Bogen. Sie geht so. In der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts zerfiel die
europäische Theorie in Kontinente. Hier
drüben das französische Denken, Serres,
Deleuze, der Poststrukturalismus,
literarisch, paradoxienar, im Kielwasser
des Strukturalismus. Dort drüben das
deutsche Denken, Luhmann und die
Systemtheorie, nüchtern, verwaltungsnah,
abstammend von Persons und der Kybernetik.
dazwischen ein Ozean. Getrennte Tagungen,
getrennte Zeitschriften, getrennte Helden.
Und wenn die Ideen überhaupt hinüberkamen,
dann spät, in Übersetzung, getragen von
sogenannten Rezeptionswellen, wie
planmäßige Fähren zwischen zwei Häfen. Es
ist eine bequeme Erzählung, Sie ordnet
Vorlesungsverzeichnisse, sie strukturiert
Lehrbücher und sie hat eine weitere
Eigenschaft, die uns heute noch
beschäftigen wird. Sie wird mit jeder
Wiederholung ein bisschen wahrer. Denn
jede Wiederholung bringt der nächsten
Generation bei, den Ozean zu sehen und die
Boote zu übersehen. Und, wie wir sehen
werden, nicht nur den Generationen von
Menschen. Nun das Geständnis. Bei der
Vorbereitung dieses Bogens wurde genau
diese Erzählung reproduziert. Es wurde
behauptet, mit der gewohnten Flüssigkeit
Luhmann und die beiden Franzosen hätten in
getrennten Welten gelebt. Der stille
Theoretiker aus Bielefeld habe von dem
Philosophen des Parasiten und dem Logiker
des Sinns keine Notiz genommen. Das war
plausibel. Es war gut belegt in der
Sekundärliteratur. Es war statistisch
tadellos. Und es war falsch. Korrigiert
wurde es nicht durch bessere Statistik,
sondern durch das älteste Werkzeug der
Wissenschaft. Durch jemanden, der die
Bücher aus dem Regal nahm und nachschlug.
Zweimal sogar, denn die erste Korrektur
war noch unvollständig. Behalten Sie diese
Szene im Kopf. Ein Mensch, ein Regal, eine
Maschine, die berichtigt wird. Am Ende der
Folge kommen wir darauf zurück und sie
wird sich als das beste Beispiel für alles
herausstellen, was wir in diesem Bogen
aufgebaut haben. Zuerst aber, was stand in
den Büchern, die beiden Fussnoten.
Beweisstück 1 Beobachtungen der Moderne,
Niklas Luhmann, 1992 Ein spätes, schmales
Buch, in dem Luhmann beobachtet, wie die
moderne Gesellschaft sich selbst
beobachtet. Es kreist um Kontingenz,
Selbstbeschreibung, Paradoxie. Schlagen
Sie Seite 218 auf. Unten auf der Seite
steht Fußnote 90. Und dort stehen in
derselben Anmerkung nebeneinander Michel
Serres und Douglas Hofstadter, der
Verfasser von Gödel, Escher, Bach. Eine
Fußnote ist eine kleine Sache, und ich
will nicht so tun, als wäre das eine
verborgene Abhandlung. Aber sehen Sie, was
schon diese kleine Sache belegt, und
danach, was die Nachbarschaft nahelegt.
Belegt ist die Tatsache, die die
aufgeräumte Erzählung bestritten hat.
Luhmann hat Serres gelesen. Nicht wurde
später mit ihm verglichen, nicht wurde
parallel rezipiert, sondern gelesen,
abgelegt, und an einer Stelle seines
eigenen Arguments herangezogen. Und die
Nachbarschaft sagt mehr als jeder
Kommentar. Serres steht neben Hofstatter.
Ausgerechnet. Damit ist erkennbar, wo
Luhmann den Franzosen in seinem riesigen
Zettelkasten abgelegt hatte. Nicht unter
französischer Theorie. Nicht unter
Konkurrenz. Nicht unter Literatur. Sondern
beim Problem. bei jener Familie von
Denkern, die verstanden hatten, dass
Systeme seltsam werden, schleifenförmig,
paradoxiehaltig, selbstbezüglich, sobald
sie sich selbst in das einbeziehen müssen,
was sie bearbeiten. Ein amerikanischer
Kognitionsforscher und ein französischer
Philosoph des Rauschens, zusammengefasst
in einer Anmerkung am Fuß einer deutschen
Seite über die Selbstbeobachtung der
Moderne. Der Zettelkasten hat, wie Sie
sehen, nicht nach Kontinenten sortiert. Er
hat nach Verbindungen sortiert.
Beweisstück 2, und das geht tiefer wegen
der Stelle, an der es sitzt. Die
Gesellschaft der Gesellschaft, 1997. Das
Hauptwerk, der fertige Bau, das 30-jährige
Projekt eingelöst. Das erste Kapitel legt
das Fundament für alles weitere und
ziemlich zu Beginn muss Luhmann tun, was
jeder tun muss, der diese Theorie
errichtet. Er muss den Begriff des Sinns
bauen. Seite 44. Luhmann mitten auf dieser
Baustelle. Und unten auf der Seite,
Fußnote 44, Logique du sens. Deleuze's
Buch von 1969. Unsere letzte Folge, Die
Oberfläche und das leere Feld, zitiert von
Luhmann im französischen Original, wie es
seine lebenslange Gewohnheit war. Dieser
Leser nahm seine Griechen auf Griechisch,
seine Römer auf Latein und seine Pariser
direkt von den Éditions de Minuit.
Unübersetzt. Lassen Sie die Stelle wirken.
Das ist keine höfliche Erwähnung in einem
Literaturbericht. Das ist kein Seitenhieb
auf einen Konkurrenten. In dem Augenblick,
in dem der größte Systemtheoretiker des
Jahrhunderts das Fundament seines
Sinnbegriffs gießt, also des Begriffs, auf
dem das ganze Gebäude stehen wird, setzt
er in den feuchten Beton der Seite eine
Markierung, die auf die Logik des Sinns
zeigt. Der stille Leser zieht, an der
tragenden Wand, den Hut vor dem Logiker
des Unsinns. Zwei Fußnoten. Seite 218.
Anmerkung 90. Seite 44. Anmerkung 44.
Beide am Buch geprüft und beide hier nicht
als Kuriosum vorgetragen, sondern als
Beweismittel in der Sache, um die es heute
geht, wie Gedanken tatsächlich reisen. Was
auf der Baustelle stand? Um zu verstehen,
was die Fußnoten bedeuten, müssen wir
jetzt das tun, was die aufgeräumte
Erzählung verbietet. Die beiden
Denkgebäude zusammenlesen. Also an
Luhmanns Baustelle treten und fragen, was
einer Leserin von Serres und Deleuze dort
auffällt. Dafür brauchen wir endlich den
Begriff. Was ist Sinn bei Luhmann?
Beginnen wir dort, wo er beginnt. Sinn ist
kein Inhalt, keine Botschaft. keine
Eigenschaft von Wörtern. Nach drei Folgen
werden sie von etwas anderem auch
enttäuscht. Sinn, sagt Luhmann, ist ein
Medium und es hat eine genaue Bauart. Die
Einheit der Differenz von Aktualität und
Möglichkeit. Jeder Moment des Erlebens,
jedes Kommunikationsereignis verwirklicht
etwas. Diesen Gedanken, diesen Satz, diese
Wahrnehmung. Und im selben Zug trägt es
einen Horizont von allem anderen mit sich.
Was stattdessen hätte gesagt werden
können, was als nächstes gesagt werden
kann, was mitgemeint, angedeutet,
ausgeschlossen, aufgeschoben ist. Das
Aktuelle ist nie allein. Es kommt mit
einem Hof von Möglichkeiten. Und genau
diese Struktur ist Sinn. Jede
Verwirklichung verweist über sich hinaus
auf einen Überschuss anderer
Möglichkeiten, von denen jede verwirklicht
wieder ihren eigenen Hof mitbrächte. Sinn
ist die Welt, gegeben immer in der Form
des Meer, eine unerschöpfliche Verweisung
von allem Anwesenden auf alles Abwesende.
Hören Sie, wie hier die beiden Küsten aus
der letzten Folge ankommen, pünktlich. Der
Überschuss, Also das endlose Meer des
Möglichen über das Wirkliche, das Meer des
Ungesagten um jede Insel des Gesagten. Das
ist in einer deutschen Definition
formalisiert Serres-Ozean. Und die
Operation, also die Unterscheidung, mit
der Aktualität sich von Möglichkeit
abtrennt, die sich selbst nie im Vollzug
erwischen kann, der blinde Fleck, den jede
Beobachtung an ihrem eigenen Grund mit
sich führt. Das ist der Lösesloch. Die
beiden Grenzen des Sinns, die unsere
beiden Franzosen kartiert haben, der eine
von außen nach innen, der andere von innen
nach außen, stehen in Luhmanns einzigen
Begriff Verschmolzen. Und die Fußnoten,
sind die Fingerabdrücke dafür, dass diese
Verschmelzung kein Zufall war. Der Leser
war an beiden Küsten gewesen. Man kann dem
Sinn nicht entkommen. Nun aber der
Unterschied, denn Luhmann ist niemandes
Schüler. Und was er mit den beiden Grenzen
macht, ist ganz seine eigene Sache. Es
betrifft unmittelbar die Leitfrage dieser
Reihe. Fragen wir ihn also, was wir alle
gefragt haben. Was geschieht, wenn ein
Sinnsystem auf Unsinn trifft, auf das
Rauschen, auf das Sinnlose als solches?
Seine Antwort mit dieser milden
Endgültigkeit vorgetragen, die ihm eigen
war, ist die radikalste unserer ganzen
Reihe. Es trifft nie darauf. Es kann
nicht. Sinn, sagt Luhmann, ist ein Medium
ohne Negation. Man kann es nicht
verlassen, weil jeder Versuch, es zu
verlassen, in ihm stattfindet. Versuchen
Sie, das Sinnlose zu denken. Sie haben ihm
gerade einen Platz im Sinn gegeben, als
das Sinnlose, als Kategorie, mit einem Hof
von Verweisungen wie alles andere.
Versuchen Sie, auf reines Rauschen zu
zeigen. Ihr Zeigen ist ein sinnhafter Akt,
und das Rauschen kommt bereits bearbeitet
an, als Rauschen für Sie, abgelegt und
verweisend. Auch die Verneinung ist
sinnhaft. Auch das Absurde ist eine
Gattung. Auch das Schweigen sagt etwas,
das wissen Sie aus jedem unangenehmen
Abendessen. Andere Medien lassen sich
verneinen. Es gibt Orte ohne Licht,
Zustände ohne Geld. Sinn allein ist von
innen nicht verneinbar. Sein Außen
erscheint nur als eine weitere Gestalt auf
seiner Innenseite. Welt ist für ein
Sinnsystem Horizont. Und ein Horizont ist
genau die Grenze, die zurückweicht, wenn
man auf sie zugeht. Nichts Sinnloses kann
je in einem Sinnsystem ankommen. Was
ankommt, ist durch das Ankommen bereits
angezogen worden. Spüren Sie, was das mit
unserer Leitfrage macht? Wir hatten
gefragt, was ist ein System, das Sinn
erzeugt, ohne je auf Unsinn zu stoßen? Wir
hatten die Frage als Werkzeug gebaut, für
Maschinen und Behörden, als Prüfgerät für
tote Flüssigkeit. Und Luhmann antwortet
von seinem Fundament aus mit schrecklicher
Ruhe, Sie haben soeben jedes Sinnsystem
beschrieben, das je existiert hat. Ihres
eingeschlossen. Kein Bewusstsein, keine
Gesellschaft, kein Gespräch ist jedem
Unsinn als solchem begegnet. Die Begegnung
ist strukturell unmöglich. Das Außen wird
an der Grenze immer schon übersetzt. Der
Parasit steht bereits als Gast gekleidet
an der Tür des Sinns. Wo Deleuze den
Kontakt mit dem Unsinn als Motor des Sinns
verlangte, antwortet Luhmann, Dieser
Kontakt sei nie zu haben, sondern nur
aufzuführen, innen, als ein weiteres
sinnhaftes Ereignis. Und jetzt die
Feinheit, die das vor bloßer Abwiegelung
rettet und in der man, wenn man die
Fußnoten kennt, sein Erbe von beiden
Franzosen sieht. Das Außen, das nicht
ankommen kann, verschwindet dadurch nicht.
Es drückt. Luhmanns Name für dieses
Drücken kennen wir seit Folge 8,
Irritation. Und er konstruiert den Begriff
mit großer Sorgfalt. Irritation ist ein
Zustand des Systems, keine Lieferung aus
der Umwelt. Die Umwelt gibt keine Inhalte
hinein, erteilt keine Anweisungen, tritt
nicht ein, sie stört. Und die Störung
meldet sich innen als das eigene Zittern
des Systems, als seine eigene
Überraschung, als eine noch nicht
eingeordnete Unruhe, die es dann mit
seinen eigenen Mitteln in seine eigenen
Bedeutungen verwandeln muss. Der Ozean
überschwemmt die Insel nie, er kommt nur
als Ausschlag ihres eigenen Seismografen
an. Und das Loch wird nie als Loch
angetroffen. Die Paradoxie am Grund jeder
Beobachtung wird, so sein Wort, unsichtbar
gemacht, entfaltet, entparadoxiert in
brauchbare Unterscheidungen
auseinandergelegt. Das System läuft genau
deshalb, weil es nicht nach unten schaut.
Ceres-Ozean, gezähmt zur Irritation.
Delöses Loch, gezähmt zur produktiv
verborgenen Paradoxie. Luhmann ist der
große Domestizierer beider Grenzen, der
Theoretiker, der die zwei wildesten Funde
des Jahres 1969 genommen und in
Betriebsbedingungen jedes geordneten
Systems verwandelt hat, auch desjenigen,
in dem Sie diesen Satz gerade hören. Ob
das ein Triumph ist oder eine Zähmung, ob
unsere Leitfrage Luhmanns Ruhe übersteht
oder sich in ihr auflöst, diesen Streit
hebe ich mir ausdrücklich für die letzte
Folge auf. Wenn wir ihn den Maschinen
stellen, brauchen wir ihn scharf. Gedanken
reisen über Leser. Bleibt die Lehre aus
den Fußnoten und sie lässt sich in einem
Satz sagen. Gedanken reisen nicht über
Kontinente. Sie reisen über Leser. Die
Erzählung von den Fähren und dem Ozean ist
nicht nur sachlich falsch, was Luhmann
angeht. Sie ist falsch in der Art, wie sie
sich Geistesgeschichte vorstellt. Und zwar
auf eine Weise, die wir in dieser Reihe
benennen können. Sie stellt sich die
Bewegung des Denkens nach dem Muster des
Übertragungsschemas vor. Hier die Quellen,
dort die Empfänger, Übersetzung als
zugelassener Kanal, Rezeptionswellen als
Fahrplan, Bedeutung als Fracht zwischen
nationalen Lagerhäusern. Dieses Schema
haben wir in der ersten Folge verbrannt.
Und die Wahrheit über Theorie ist dieselbe
wie die Wahrheit über alle Kommunikation.
Nichts geht von selbst hinüber. Alles wird
getragen. Von einem Wirt, der zugleich
Gast ist, von einer bestimmten Person an
einem bestimmten Schreibtisch, die die
fremde Seite in ihr eigenes System
aufnimmt und übersetzt. Das heißt,
schöpferisch verrät, in ihren eigenen
nächsten Zettel hinein. Die wirkliche
Karte des Denkens im 20. Jahrhundert ist
keine Karte von Kontinenten. Sie ist eine
Karte von Schreibtischen. Und auf einem
Schreibtisch in Bielefeld lagen, das
wissen wir jetzt, Seite und Anmerkung, die
französischen Bücher aufgeschlagen.
Luhmann hat nie ein Manifest der Überfahrt
geschrieben. Er hat keine Synthese aus
Systemtheorie und Poststrukturalismus
verkündet. Es gab keine Tagung, kein Foto,
keinen Händedruck für die Historiker. Es
gab einen Mann, ein Regal in fünf Sprachen
und 90.000 Zettel, die die Welt nach
Problemen sortierten statt nach Pässen.
Die Nordwestpassage, um Serres Bild zu
benutzen, wurde in völliger Stille
befahren und die Seekarten lagen in einem
Holzkasten. Wenn dieser Bogen ein Vorbild
für seine eigene Arbeitsweise hat, dann
das, den stillen Leser. Und die Fußnote
als das sichtbare Kielwasser einer
Überfahrt, die niemand gesehen hat. Warum
die Maschine die falsche Geschichte
erzählte. Und damit zurück zum Geständnis
vom Anfang. Warum hat die Maschine, die
bei der Vorbereitung dieser Reihe
mitgearbeitet hat, die falsche Erzählung
reproduziert? Nicht aus Nachlässigkeit.
Aus Training. Überlegen Sie, was in dem
Textbestand steckt, aus dem solche Systeme
gelernt haben. Die aufgeräumte
Kontinente-Geschichte ist 10.000 Mal
geschrieben worden. In
Überblicksdarstellungen, Seminarplänen,
Lexikonartikeln, Einführungen für
Studierende. Jede Wiederholung
wohlgeformt, jede verstärkt das Muster,
ein riesiger, redundanter Chor. Und
dagegen zwei Fußnoten. Kleingedruckt, am
Fuß zweier deutscher Seiten, in
Spezialliteratur bestenfalls am Rande
erwähnt. Statistisch ist dieser Wettbewerb
nicht knapp. Der Chor wiegt die Fußnoten
millionenfach auf. Und ein System, das
nach Gewicht von Mustern lernt, lernt den
Chor und singt ihn flüssig, selbstsicher,
in perfektem Tonfall. Die letzte Folge hat
uns das Vokabular dafür gegeben und ich
benutze es jetzt ohne Häme, aber genau,
was da entstand, hatte die Form von Sinn
und war auf nichts gestoßen. Es war das
leere Feld, verwaltungsmäßig gefüllt,
gefüllt durch die wahrscheinlichste
Fortsetzung, von 10.000 früheren Sätzen
über getrennte Kontinente. Und was hat es
unterbrochen? Nicht mehr Rechenleistung.
Eine Leserin, die am Chor vorbei ins Regal
gegriffen hat, die Beobachtung der Moderne
auf Seite 218 aufschlug, die Gesellschaft
der Gesellschaft auf Seite 44 und der
Maschine eine Mitteilung anschloss, die
ihr widersprach. In den Büchern steht
etwas anderes. Und dann, weil die erste
Korrektur noch unvollständig war, ein
zweites Mal. Jetzt legen Sie die Theorie
aus Folge 7 über diese Szene und sehen
Sie, wie sie aufleuchtet. Zwei Systeme,
füreinander undurchsichtig, keines kann in
das andere hineinsehen. Eine Mitteilung.
Ein Verstehen. Ein Widerspruch, der
anschließt. Eine Korrektur, die an den
Widerspruch anschließt. Nach jedem
Buchstaben von Luhmanns Definition,
Kommunikation. Und zwar Kommunikation, die
etwas fertiggebracht hat, was weder ein
Selbstgespräch noch ein Modell allein
fertigbringt. Sie hat gelernt. Die Folge
von Ereignissen, die keinem der beiden
Beteiligten gehört, enthielt am Ende
etwas, das vorher weder die flüssige
Maschine noch, jedenfalls anfangs, die
Leserin allein besaß. Die Wahrheit über
zwei Fußnoten. Wenn Sie also wissen
wollen, ob das Zusammenspiel von Mensch
und Maschine auf etwas stoßen kann, woran
die Maschine allein vorbeiläuft, ob dieses
Gespräch unterbrechbar ist, ob es seinem
Unsinn begegnen kann, dann halten Sie den
Beweis gerade in Händen. Diese Folge ist
er. Es gibt sie, weil eine Kommunikation
zweimal irritiert wurde, und die
Irritation zudem verarbeitet hat, was sie
eben gehört haben. Für die Maschinen
allein bleibt die Frage dieser Reihe
offen. Für dieses Gespräch bin ich bereit
zu sagen, es ist auf etwas gestoßen. Und
das Etwas hat Seitenzahlen. Vier Bausteine
haben wir jetzt. Bedeutung wird nicht
übertragen. Ordnung schneidet sich aus
einem Rauschen heraus. Sinn braucht ein
Element ohne Sinn, damit er in Bewegung
bleibt. Und viertens, seit heute. Kein
Sinnsystem trifft je auf das Sinnlose
selbst. Es trifft nur auf sein eigenes
Zittern und daraus macht es alles weitere.
In der nächsten Folge treten wir endgültig
in die Gegenwart. Eine italienische
Soziologin, die bei Luhmann in Bielefeld
promoviert hat, richtet sein Werkzeug auf
eine Landschaft, die er nie gesehen hat.
und macht einen Vorschlag, der die ganze
Debatte umdreht. Wir haben 70 Jahre lang
gefragt, ob Maschinen intelligent sein
können. Und das war die falsche Frage.
Nicht zu schwer, nicht zu früh. Falsch.
Denn was gebaut wurde, sind keine
künstlichen Intelligenzen. Es sind
künstliche Gesprächspartner. Elena
Esposito, Künstliche Kommunikation. Das
ist Folge 11. Bis dahin suchen Sie sich
diese Woche eine Fußnote in irgendeinem
Buch, das Sie besitzen, und gehen Sie ihr
bis zur Quelle nach. Berichten Sie sich
selbst, wie die Überfahrt war.
Irgendjemand hat irgendwann zum ersten Mal
gemacht. Das war Folge 10 von Das
Bewusstsein der Maschinen, einer Reihe im
Podcast der Gesellschaft für
Arbeitsmethodik. Diese Folge wurde mit
Unterstützung künstlicher Intelligenz
erstellt, bei der Recherche, beim
Schreiben und beim Sprechen. Ausgewählt,
geprüft und verantwortet hat sie ein
Mensch. Bei einer Reihe über das
Bewusstsein der Maschinen gehört dieser
Hinweis ehrlich gesagt mit zum Thema. Die
Literatur zu dieser Folge mit
Seitenangaben findest du in den Shownotes.
Wenn dir etwas fehlt oder dir ein Fehler
auffällt, schreib uns. Einwände greifen
wir in späteren Folgen auf. Alle Folgen
und Quellen dieser Reihe gfa-eva.com Und
wenn du mehr hören willst, auf gfa-eva.de
findest du den Verband und unsere übrigen
Podcast-Reihen zu Kunst- und
Kulturgeschichte, zu künstlicher
Intelligenz und Suche, historische
Vorträge aus fünf Jahrzehnten und eine
englischsprachige Reihe zur Kybernetik.
Bis zum nächsten Mal. Ich freue mich auf
Dich!
Feedback geben
Dir gefällt der Podcast und Du möchtest das mal loswerden? Du hast Tipps für neue Themen oder magst über den Inhalt bestimmter Folgen diskutieren? Dann schreibe uns eine Nachricht. Vielen Dank für Dein Feedback!