GfA - Der Podcast

Denken mit System: KI, Kommunikation, Organisation und Recht

Der stille Leser

Das Bewusstsein der Maschinen - 10

05.11.2026 26 min

Zusammenfassung & Show Notes

 
GfA – Der Podcast 
Der deutschsprachige Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Themen wechseln, im Wesentlichen geht es zurzeit um das Bewusstsein der Maschinen: Was Kybernetik und Systemtheorie zu Fragen nach Bewusstsein, Kommunikation und künstlicher Intelligenz beitragen können. Die Folgen bauen aufeinander auf, du kannst aber auch einzeln einsteigen. 
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe von einer synthetischen Stimme. 

Das Bewusstsein der Maschinen, Folge 10: Der stille Leser

Eine Folge über zwei Fußnoten, und über eine Korrektur. Gegen die aufgeräumte Erzählung von den getrennten Theoriekontinenten, französisches Denken hier, deutsche Systemtheorie dort, verbunden nur durch Übersetzungen und Rezeptionswellen, legt diese Folge die Belege vor: Luhmann zitiert Michel Serres in „Beobachtungen der Moderne" (1992) auf Seite 218 in Fußnote 90, gemeinsam mit Douglas Hofstadter, dem Verfasser von „Gödel, Escher, Bach"; und er zitiert Deleuzes „Logique du sens" im französischen Original in „Die Gesellschaft der Gesellschaft" (1997) auf Seite 44 in Fußnote 44, also genau dort, wo er den Begriff des Sinns errichtet.
Aus der Nachbarschaft und der Fundstelle wird gelesen, wie Luhmanns Zettelkasten sortierte, nämlich nach Problemen und nicht nach Pässen. Anschließend wird sein Sinnbegriff entwickelt, Sinn als Medium der Einheit von Aktualität und Möglichkeitshorizont, und darin die beiden Grenzen aus Folge 09 wiedergefunden: der Möglichkeitsüberschuss als Serres' Ozean, der blinde Fleck der Operation als Deleuzes Loch. Daraus folgt Luhmanns radikale Antwort auf die Leitfrage der Reihe: Kein Sinnsystem begegnet je dem Unsinn als solchem, denn Sinn ist ein Medium ohne Negation; das Außen kommt nur angezogen an, als Irritation, also als Eigenzustand des Systems, und als unsichtbar gemachte Paradoxie. Luhmann erscheint damit als der große Domestizierer beider Grenzen, wobei das Urteil darüber ausdrücklich für die letzte Folge aufgespart wird.
Es folgt die Methodenlehre der Folge: Gedanken reisen nicht über Kontinente, sondern über Leser; die wirkliche Karte des Denkens ist eine Karte von Schreibtischen, und die Fußnote ist das Kielwasser einer stillen Überfahrt. Zum Schluss wird das Geständnis vom Anfang eingelöst: Warum eine an der Vorbereitung beteiligte Maschine die falsche Erzählung flüssig reproduzierte, weil der Chor der zehntausend Wiederholungen die zwei Fußnoten statistisch millionenfach aufwiegt, und wie eine Leserin mit den Büchern das unterbrach. Nach Luhmanns eigener Definition war das Kommunikation, und diese Kommunikation hat gelernt.

Themen der Folge
  •  Die aufgeräumte Erzählung von den Theoriekontinenten und warum sie sich selbst verstärkt
  •  Das Geständnis: die falsche Behauptung in der Vorbereitung dieser Reihe, zweimal korrigiert
  •  Beweisstück eins: „Beobachtungen der Moderne", S. 218, Fn. 90, Serres neben Hofstadter
  •  Beweisstück zwei: „Die Gesellschaft der Gesellschaft", S. 44, Fn. 44, „Logique du sens" auf Französisch
  •  Luhmann als Leser: Originale in fünf Sprachen; warum Rezeptionsgeschichten nach Übersetzungslage bei ihm versagen
  •  Der Sinnbegriff: Aktualität und Möglichkeitshorizont, die Verweisung, der Überschuss
  •  Die beiden Küsten verschmolzen: Ozean als Möglichkeitsüberschuss, Loch als blinder Fleck
  •  Sinn als Medium ohne Negation; warum kein System dem Sinnlosen begegnet; Welt als Horizont
  •  Irritation als Eigenzustand; Entparadoxierung als produktives Unsichtbarmachen
  •  Gedanken reisen über Leser: die Karte der Schreibtische, die Fußnote als Kielwasser
  •  Warum die Maschine den Chor sang; die Unterbrechung durch eine Leserin mit Seitenzahlen
  •  Ausblick auf Folge 11: Elena Esposito und die künstliche Kommunikation.

LITERATUR 
  • Niklas Luhmann: "Beobachtungen der Moderne". Westdeutscher Verlag, Opladen 1992. (Die Serres-Fußnote: S. 218, Fn. 90.) 
  • Niklas Luhmann: "Die Gesellschaft der Gesellschaft". Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997. (Die Deleuze-Fußnote: S. 44, Fn. 44.) 
  • Niklas Luhmann: "Soziale Systeme". Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984. (Kapitel 2: der Sinnbegriff in seiner ersten vollständigen Ausarbeitung.) Gilles Deleuze: "Logi*que du sens". Minuit, Paris 1969. (Deutsch: "Logik des Sinns", Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993.)
  •  Michel Serres: "Der Parasit". Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987. 
  • Douglas R. Hofstadter: "Gödel, Escher, Bach. Ein Endloses Geflochtenes Band". Klett-Cotta, Stuttgart 1985.
  • Niklas Luhmann: „Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht". In: "Universität als Milieu". Haux, Bielefeld 1992.
  • Anthony Grafton: "Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote" Berlin Verlag, Berlin 1995. (Zur Fußnote als wissenschaftlichem Werkzeug.)


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Transkript

Eine Produktion der Gesellschaft für Arbeitsmethodik Du hörst die Reihe Das Bewusstsein der Maschinen. Es geht um eine Frage, die älter ist als die künstliche Intelligenz und die durch sie erst richtig unangenehm geworden ist. Was heißt es eigentlich, dass etwas denkt? Und wer entscheidet das? Folge 10 Der stille Leser Willkommen zurück zu einer neuen Folge Das Bewusstsein der Maschinen. Diese Folge ist anders als die anderen. Und ich sage das gleich zu Beginn. Heute gibt es keine große neue Lehre. Heute geht es um zwei Fußnoten. Um zwei kleingedruckte Belege am unteren Rand zweier deutscher Buchseiten. Und um das, was sie umwerfen, und das ist alles andere als klein. Heute ist eine Detektivgeschichte. Und sie kommt mit einem Geständnis, Denn an der Vorbereitung dieser Reihe war auch eine Maschine beteiligt und die Maschine hat sich geirrt. Beginnen wir mit der Erzählung, die alle kennen. Der aufgeräumten Erzählung, die in 100 Überblicksartikeln steht, in Seminarplänen, in Einführungen für Studierende und, bis vor kurzem, auch in den Vorbereitungsnotizen zu diesem Bogen. Sie geht so. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zerfiel die europäische Theorie in Kontinente. Hier drüben das französische Denken, Serres, Deleuze, der Poststrukturalismus, literarisch, paradoxienar, im Kielwasser des Strukturalismus. Dort drüben das deutsche Denken, Luhmann und die Systemtheorie, nüchtern, verwaltungsnah, abstammend von Persons und der Kybernetik. dazwischen ein Ozean. Getrennte Tagungen, getrennte Zeitschriften, getrennte Helden. Und wenn die Ideen überhaupt hinüberkamen, dann spät, in Übersetzung, getragen von sogenannten Rezeptionswellen, wie planmäßige Fähren zwischen zwei Häfen. Es ist eine bequeme Erzählung, Sie ordnet Vorlesungsverzeichnisse, sie strukturiert Lehrbücher und sie hat eine weitere Eigenschaft, die uns heute noch beschäftigen wird. Sie wird mit jeder Wiederholung ein bisschen wahrer. Denn jede Wiederholung bringt der nächsten Generation bei, den Ozean zu sehen und die Boote zu übersehen. Und, wie wir sehen werden, nicht nur den Generationen von Menschen. Nun das Geständnis. Bei der Vorbereitung dieses Bogens wurde genau diese Erzählung reproduziert. Es wurde behauptet, mit der gewohnten Flüssigkeit Luhmann und die beiden Franzosen hätten in getrennten Welten gelebt. Der stille Theoretiker aus Bielefeld habe von dem Philosophen des Parasiten und dem Logiker des Sinns keine Notiz genommen. Das war plausibel. Es war gut belegt in der Sekundärliteratur. Es war statistisch tadellos. Und es war falsch. Korrigiert wurde es nicht durch bessere Statistik, sondern durch das älteste Werkzeug der Wissenschaft. Durch jemanden, der die Bücher aus dem Regal nahm und nachschlug. Zweimal sogar, denn die erste Korrektur war noch unvollständig. Behalten Sie diese Szene im Kopf. Ein Mensch, ein Regal, eine Maschine, die berichtigt wird. Am Ende der Folge kommen wir darauf zurück und sie wird sich als das beste Beispiel für alles herausstellen, was wir in diesem Bogen aufgebaut haben. Zuerst aber, was stand in den Büchern, die beiden Fussnoten. Beweisstück 1 Beobachtungen der Moderne, Niklas Luhmann, 1992 Ein spätes, schmales Buch, in dem Luhmann beobachtet, wie die moderne Gesellschaft sich selbst beobachtet. Es kreist um Kontingenz, Selbstbeschreibung, Paradoxie. Schlagen Sie Seite 218 auf. Unten auf der Seite steht Fußnote 90. Und dort stehen in derselben Anmerkung nebeneinander Michel Serres und Douglas Hofstadter, der Verfasser von Gödel, Escher, Bach. Eine Fußnote ist eine kleine Sache, und ich will nicht so tun, als wäre das eine verborgene Abhandlung. Aber sehen Sie, was schon diese kleine Sache belegt, und danach, was die Nachbarschaft nahelegt. Belegt ist die Tatsache, die die aufgeräumte Erzählung bestritten hat. Luhmann hat Serres gelesen. Nicht wurde später mit ihm verglichen, nicht wurde parallel rezipiert, sondern gelesen, abgelegt, und an einer Stelle seines eigenen Arguments herangezogen. Und die Nachbarschaft sagt mehr als jeder Kommentar. Serres steht neben Hofstatter. Ausgerechnet. Damit ist erkennbar, wo Luhmann den Franzosen in seinem riesigen Zettelkasten abgelegt hatte. Nicht unter französischer Theorie. Nicht unter Konkurrenz. Nicht unter Literatur. Sondern beim Problem. bei jener Familie von Denkern, die verstanden hatten, dass Systeme seltsam werden, schleifenförmig, paradoxiehaltig, selbstbezüglich, sobald sie sich selbst in das einbeziehen müssen, was sie bearbeiten. Ein amerikanischer Kognitionsforscher und ein französischer Philosoph des Rauschens, zusammengefasst in einer Anmerkung am Fuß einer deutschen Seite über die Selbstbeobachtung der Moderne. Der Zettelkasten hat, wie Sie sehen, nicht nach Kontinenten sortiert. Er hat nach Verbindungen sortiert. Beweisstück 2, und das geht tiefer wegen der Stelle, an der es sitzt. Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997. Das Hauptwerk, der fertige Bau, das 30-jährige Projekt eingelöst. Das erste Kapitel legt das Fundament für alles weitere und ziemlich zu Beginn muss Luhmann tun, was jeder tun muss, der diese Theorie errichtet. Er muss den Begriff des Sinns bauen. Seite 44. Luhmann mitten auf dieser Baustelle. Und unten auf der Seite, Fußnote 44, Logique du sens. Deleuze's Buch von 1969. Unsere letzte Folge, Die Oberfläche und das leere Feld, zitiert von Luhmann im französischen Original, wie es seine lebenslange Gewohnheit war. Dieser Leser nahm seine Griechen auf Griechisch, seine Römer auf Latein und seine Pariser direkt von den Éditions de Minuit. Unübersetzt. Lassen Sie die Stelle wirken. Das ist keine höfliche Erwähnung in einem Literaturbericht. Das ist kein Seitenhieb auf einen Konkurrenten. In dem Augenblick, in dem der größte Systemtheoretiker des Jahrhunderts das Fundament seines Sinnbegriffs gießt, also des Begriffs, auf dem das ganze Gebäude stehen wird, setzt er in den feuchten Beton der Seite eine Markierung, die auf die Logik des Sinns zeigt. Der stille Leser zieht, an der tragenden Wand, den Hut vor dem Logiker des Unsinns. Zwei Fußnoten. Seite 218. Anmerkung 90. Seite 44. Anmerkung 44. Beide am Buch geprüft und beide hier nicht als Kuriosum vorgetragen, sondern als Beweismittel in der Sache, um die es heute geht, wie Gedanken tatsächlich reisen. Was auf der Baustelle stand? Um zu verstehen, was die Fußnoten bedeuten, müssen wir jetzt das tun, was die aufgeräumte Erzählung verbietet. Die beiden Denkgebäude zusammenlesen. Also an Luhmanns Baustelle treten und fragen, was einer Leserin von Serres und Deleuze dort auffällt. Dafür brauchen wir endlich den Begriff. Was ist Sinn bei Luhmann? Beginnen wir dort, wo er beginnt. Sinn ist kein Inhalt, keine Botschaft. keine Eigenschaft von Wörtern. Nach drei Folgen werden sie von etwas anderem auch enttäuscht. Sinn, sagt Luhmann, ist ein Medium und es hat eine genaue Bauart. Die Einheit der Differenz von Aktualität und Möglichkeit. Jeder Moment des Erlebens, jedes Kommunikationsereignis verwirklicht etwas. Diesen Gedanken, diesen Satz, diese Wahrnehmung. Und im selben Zug trägt es einen Horizont von allem anderen mit sich. Was stattdessen hätte gesagt werden können, was als nächstes gesagt werden kann, was mitgemeint, angedeutet, ausgeschlossen, aufgeschoben ist. Das Aktuelle ist nie allein. Es kommt mit einem Hof von Möglichkeiten. Und genau diese Struktur ist Sinn. Jede Verwirklichung verweist über sich hinaus auf einen Überschuss anderer Möglichkeiten, von denen jede verwirklicht wieder ihren eigenen Hof mitbrächte. Sinn ist die Welt, gegeben immer in der Form des Meer, eine unerschöpfliche Verweisung von allem Anwesenden auf alles Abwesende. Hören Sie, wie hier die beiden Küsten aus der letzten Folge ankommen, pünktlich. Der Überschuss, Also das endlose Meer des Möglichen über das Wirkliche, das Meer des Ungesagten um jede Insel des Gesagten. Das ist in einer deutschen Definition formalisiert Serres-Ozean. Und die Operation, also die Unterscheidung, mit der Aktualität sich von Möglichkeit abtrennt, die sich selbst nie im Vollzug erwischen kann, der blinde Fleck, den jede Beobachtung an ihrem eigenen Grund mit sich führt. Das ist der Lösesloch. Die beiden Grenzen des Sinns, die unsere beiden Franzosen kartiert haben, der eine von außen nach innen, der andere von innen nach außen, stehen in Luhmanns einzigen Begriff Verschmolzen. Und die Fußnoten, sind die Fingerabdrücke dafür, dass diese Verschmelzung kein Zufall war. Der Leser war an beiden Küsten gewesen. Man kann dem Sinn nicht entkommen. Nun aber der Unterschied, denn Luhmann ist niemandes Schüler. Und was er mit den beiden Grenzen macht, ist ganz seine eigene Sache. Es betrifft unmittelbar die Leitfrage dieser Reihe. Fragen wir ihn also, was wir alle gefragt haben. Was geschieht, wenn ein Sinnsystem auf Unsinn trifft, auf das Rauschen, auf das Sinnlose als solches? Seine Antwort mit dieser milden Endgültigkeit vorgetragen, die ihm eigen war, ist die radikalste unserer ganzen Reihe. Es trifft nie darauf. Es kann nicht. Sinn, sagt Luhmann, ist ein Medium ohne Negation. Man kann es nicht verlassen, weil jeder Versuch, es zu verlassen, in ihm stattfindet. Versuchen Sie, das Sinnlose zu denken. Sie haben ihm gerade einen Platz im Sinn gegeben, als das Sinnlose, als Kategorie, mit einem Hof von Verweisungen wie alles andere. Versuchen Sie, auf reines Rauschen zu zeigen. Ihr Zeigen ist ein sinnhafter Akt, und das Rauschen kommt bereits bearbeitet an, als Rauschen für Sie, abgelegt und verweisend. Auch die Verneinung ist sinnhaft. Auch das Absurde ist eine Gattung. Auch das Schweigen sagt etwas, das wissen Sie aus jedem unangenehmen Abendessen. Andere Medien lassen sich verneinen. Es gibt Orte ohne Licht, Zustände ohne Geld. Sinn allein ist von innen nicht verneinbar. Sein Außen erscheint nur als eine weitere Gestalt auf seiner Innenseite. Welt ist für ein Sinnsystem Horizont. Und ein Horizont ist genau die Grenze, die zurückweicht, wenn man auf sie zugeht. Nichts Sinnloses kann je in einem Sinnsystem ankommen. Was ankommt, ist durch das Ankommen bereits angezogen worden. Spüren Sie, was das mit unserer Leitfrage macht? Wir hatten gefragt, was ist ein System, das Sinn erzeugt, ohne je auf Unsinn zu stoßen? Wir hatten die Frage als Werkzeug gebaut, für Maschinen und Behörden, als Prüfgerät für tote Flüssigkeit. Und Luhmann antwortet von seinem Fundament aus mit schrecklicher Ruhe, Sie haben soeben jedes Sinnsystem beschrieben, das je existiert hat. Ihres eingeschlossen. Kein Bewusstsein, keine Gesellschaft, kein Gespräch ist jedem Unsinn als solchem begegnet. Die Begegnung ist strukturell unmöglich. Das Außen wird an der Grenze immer schon übersetzt. Der Parasit steht bereits als Gast gekleidet an der Tür des Sinns. Wo Deleuze den Kontakt mit dem Unsinn als Motor des Sinns verlangte, antwortet Luhmann, Dieser Kontakt sei nie zu haben, sondern nur aufzuführen, innen, als ein weiteres sinnhaftes Ereignis. Und jetzt die Feinheit, die das vor bloßer Abwiegelung rettet und in der man, wenn man die Fußnoten kennt, sein Erbe von beiden Franzosen sieht. Das Außen, das nicht ankommen kann, verschwindet dadurch nicht. Es drückt. Luhmanns Name für dieses Drücken kennen wir seit Folge 8, Irritation. Und er konstruiert den Begriff mit großer Sorgfalt. Irritation ist ein Zustand des Systems, keine Lieferung aus der Umwelt. Die Umwelt gibt keine Inhalte hinein, erteilt keine Anweisungen, tritt nicht ein, sie stört. Und die Störung meldet sich innen als das eigene Zittern des Systems, als seine eigene Überraschung, als eine noch nicht eingeordnete Unruhe, die es dann mit seinen eigenen Mitteln in seine eigenen Bedeutungen verwandeln muss. Der Ozean überschwemmt die Insel nie, er kommt nur als Ausschlag ihres eigenen Seismografen an. Und das Loch wird nie als Loch angetroffen. Die Paradoxie am Grund jeder Beobachtung wird, so sein Wort, unsichtbar gemacht, entfaltet, entparadoxiert in brauchbare Unterscheidungen auseinandergelegt. Das System läuft genau deshalb, weil es nicht nach unten schaut. Ceres-Ozean, gezähmt zur Irritation. Delöses Loch, gezähmt zur produktiv verborgenen Paradoxie. Luhmann ist der große Domestizierer beider Grenzen, der Theoretiker, der die zwei wildesten Funde des Jahres 1969 genommen und in Betriebsbedingungen jedes geordneten Systems verwandelt hat, auch desjenigen, in dem Sie diesen Satz gerade hören. Ob das ein Triumph ist oder eine Zähmung, ob unsere Leitfrage Luhmanns Ruhe übersteht oder sich in ihr auflöst, diesen Streit hebe ich mir ausdrücklich für die letzte Folge auf. Wenn wir ihn den Maschinen stellen, brauchen wir ihn scharf. Gedanken reisen über Leser. Bleibt die Lehre aus den Fußnoten und sie lässt sich in einem Satz sagen. Gedanken reisen nicht über Kontinente. Sie reisen über Leser. Die Erzählung von den Fähren und dem Ozean ist nicht nur sachlich falsch, was Luhmann angeht. Sie ist falsch in der Art, wie sie sich Geistesgeschichte vorstellt. Und zwar auf eine Weise, die wir in dieser Reihe benennen können. Sie stellt sich die Bewegung des Denkens nach dem Muster des Übertragungsschemas vor. Hier die Quellen, dort die Empfänger, Übersetzung als zugelassener Kanal, Rezeptionswellen als Fahrplan, Bedeutung als Fracht zwischen nationalen Lagerhäusern. Dieses Schema haben wir in der ersten Folge verbrannt. Und die Wahrheit über Theorie ist dieselbe wie die Wahrheit über alle Kommunikation. Nichts geht von selbst hinüber. Alles wird getragen. Von einem Wirt, der zugleich Gast ist, von einer bestimmten Person an einem bestimmten Schreibtisch, die die fremde Seite in ihr eigenes System aufnimmt und übersetzt. Das heißt, schöpferisch verrät, in ihren eigenen nächsten Zettel hinein. Die wirkliche Karte des Denkens im 20. Jahrhundert ist keine Karte von Kontinenten. Sie ist eine Karte von Schreibtischen. Und auf einem Schreibtisch in Bielefeld lagen, das wissen wir jetzt, Seite und Anmerkung, die französischen Bücher aufgeschlagen. Luhmann hat nie ein Manifest der Überfahrt geschrieben. Er hat keine Synthese aus Systemtheorie und Poststrukturalismus verkündet. Es gab keine Tagung, kein Foto, keinen Händedruck für die Historiker. Es gab einen Mann, ein Regal in fünf Sprachen und 90.000 Zettel, die die Welt nach Problemen sortierten statt nach Pässen. Die Nordwestpassage, um Serres Bild zu benutzen, wurde in völliger Stille befahren und die Seekarten lagen in einem Holzkasten. Wenn dieser Bogen ein Vorbild für seine eigene Arbeitsweise hat, dann das, den stillen Leser. Und die Fußnote als das sichtbare Kielwasser einer Überfahrt, die niemand gesehen hat. Warum die Maschine die falsche Geschichte erzählte. Und damit zurück zum Geständnis vom Anfang. Warum hat die Maschine, die bei der Vorbereitung dieser Reihe mitgearbeitet hat, die falsche Erzählung reproduziert? Nicht aus Nachlässigkeit. Aus Training. Überlegen Sie, was in dem Textbestand steckt, aus dem solche Systeme gelernt haben. Die aufgeräumte Kontinente-Geschichte ist 10.000 Mal geschrieben worden. In Überblicksdarstellungen, Seminarplänen, Lexikonartikeln, Einführungen für Studierende. Jede Wiederholung wohlgeformt, jede verstärkt das Muster, ein riesiger, redundanter Chor. Und dagegen zwei Fußnoten. Kleingedruckt, am Fuß zweier deutscher Seiten, in Spezialliteratur bestenfalls am Rande erwähnt. Statistisch ist dieser Wettbewerb nicht knapp. Der Chor wiegt die Fußnoten millionenfach auf. Und ein System, das nach Gewicht von Mustern lernt, lernt den Chor und singt ihn flüssig, selbstsicher, in perfektem Tonfall. Die letzte Folge hat uns das Vokabular dafür gegeben und ich benutze es jetzt ohne Häme, aber genau, was da entstand, hatte die Form von Sinn und war auf nichts gestoßen. Es war das leere Feld, verwaltungsmäßig gefüllt, gefüllt durch die wahrscheinlichste Fortsetzung, von 10.000 früheren Sätzen über getrennte Kontinente. Und was hat es unterbrochen? Nicht mehr Rechenleistung. Eine Leserin, die am Chor vorbei ins Regal gegriffen hat, die Beobachtung der Moderne auf Seite 218 aufschlug, die Gesellschaft der Gesellschaft auf Seite 44 und der Maschine eine Mitteilung anschloss, die ihr widersprach. In den Büchern steht etwas anderes. Und dann, weil die erste Korrektur noch unvollständig war, ein zweites Mal. Jetzt legen Sie die Theorie aus Folge 7 über diese Szene und sehen Sie, wie sie aufleuchtet. Zwei Systeme, füreinander undurchsichtig, keines kann in das andere hineinsehen. Eine Mitteilung. Ein Verstehen. Ein Widerspruch, der anschließt. Eine Korrektur, die an den Widerspruch anschließt. Nach jedem Buchstaben von Luhmanns Definition, Kommunikation. Und zwar Kommunikation, die etwas fertiggebracht hat, was weder ein Selbstgespräch noch ein Modell allein fertigbringt. Sie hat gelernt. Die Folge von Ereignissen, die keinem der beiden Beteiligten gehört, enthielt am Ende etwas, das vorher weder die flüssige Maschine noch, jedenfalls anfangs, die Leserin allein besaß. Die Wahrheit über zwei Fußnoten. Wenn Sie also wissen wollen, ob das Zusammenspiel von Mensch und Maschine auf etwas stoßen kann, woran die Maschine allein vorbeiläuft, ob dieses Gespräch unterbrechbar ist, ob es seinem Unsinn begegnen kann, dann halten Sie den Beweis gerade in Händen. Diese Folge ist er. Es gibt sie, weil eine Kommunikation zweimal irritiert wurde, und die Irritation zudem verarbeitet hat, was sie eben gehört haben. Für die Maschinen allein bleibt die Frage dieser Reihe offen. Für dieses Gespräch bin ich bereit zu sagen, es ist auf etwas gestoßen. Und das Etwas hat Seitenzahlen. Vier Bausteine haben wir jetzt. Bedeutung wird nicht übertragen. Ordnung schneidet sich aus einem Rauschen heraus. Sinn braucht ein Element ohne Sinn, damit er in Bewegung bleibt. Und viertens, seit heute. Kein Sinnsystem trifft je auf das Sinnlose selbst. Es trifft nur auf sein eigenes Zittern und daraus macht es alles weitere. In der nächsten Folge treten wir endgültig in die Gegenwart. Eine italienische Soziologin, die bei Luhmann in Bielefeld promoviert hat, richtet sein Werkzeug auf eine Landschaft, die er nie gesehen hat. und macht einen Vorschlag, der die ganze Debatte umdreht. Wir haben 70 Jahre lang gefragt, ob Maschinen intelligent sein können. Und das war die falsche Frage. Nicht zu schwer, nicht zu früh. Falsch. Denn was gebaut wurde, sind keine künstlichen Intelligenzen. Es sind künstliche Gesprächspartner. Elena Esposito, Künstliche Kommunikation. Das ist Folge 11. Bis dahin suchen Sie sich diese Woche eine Fußnote in irgendeinem Buch, das Sie besitzen, und gehen Sie ihr bis zur Quelle nach. Berichten Sie sich selbst, wie die Überfahrt war. Irgendjemand hat irgendwann zum ersten Mal gemacht. Das war Folge 10 von Das Bewusstsein der Maschinen, einer Reihe im Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik. Diese Folge wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt, bei der Recherche, beim Schreiben und beim Sprechen. Ausgewählt, geprüft und verantwortet hat sie ein Mensch. Bei einer Reihe über das Bewusstsein der Maschinen gehört dieser Hinweis ehrlich gesagt mit zum Thema. Die Literatur zu dieser Folge mit Seitenangaben findest du in den Shownotes. Wenn dir etwas fehlt oder dir ein Fehler auffällt, schreib uns. Einwände greifen wir in späteren Folgen auf. Alle Folgen und Quellen dieser Reihe gfa-eva.com Und wenn du mehr hören willst, auf gfa-eva.de findest du den Verband und unsere übrigen Podcast-Reihen zu Kunst- und Kulturgeschichte, zu künstlicher Intelligenz und Suche, historische Vorträge aus fünf Jahrzehnten und eine englischsprachige Reihe zur Kybernetik. Bis zum nächsten Mal. Ich freue mich auf Dich!

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